von: Sophia Szych
Mai 22, 2026
Einblick in die Romanwerkstatt: Wie „Lila Tage“ entstand und Prostitution zum (politischen) Romanstoff wird

Editorial: Sophia Szych hat ein Buch geschrieben, das „Lila Tage“ heißt. Es erscheint, voraussichtlich im Oktober 2026, im Verlag Rotscheibe, und verhandelt gesellschaftliche Missstände um Frauen* in Armut, Frauen, die auf der Strecke geblieben, sich im Bordell zu Zwangsgemeinschaften oder Gemeinschaften der Not und Notwendigkeit zusammenschließen. Repressalien und Ohnmacht trieben sie zuvor dorthin, die Körper der Frauen sind zum Objekt zugerichtet, um jeden Tag auf’s neue der sexualisierten Gewalt durch bezahlende Männer* zum Opfer zu fallen. Dabei sind es oft Frauen der Unterschichten, Frauen, die aus ihren Ländern fortgerissen, Frauen, die wie Ware gehandelt werden. Töchter ohne Eltern, aufgewachsen in Heimen oder Pflegefamilien. Aus einer sozialistischen Untersuchung materieller, gesellschaftlicher Grundlagen geht klar hervor, dass es die Wurzel der ökonomischen Abhängigkeit ist, die eine strukturelle Fesselung der Frau in aller Regel vorbereitet. Sophia schreibt: „Biografische Verletzlichkeit trifft auf strukturelle Armut“. Sie hat sich entschlossen, über einen Stoff zu schreiben, der alles andere als ‚immer nur abgründig‘ ist. Wo stehen Frauen füreinander ein im Slogan, der die staatlich organisierte Unterdrückung fasst als „Dieser Staat schützt mich nicht, meine Schwestern schützen mich!“? Die Redaktion der Literaturmetropole hat Sophia darum gebeten, uns im Mai bereits die Türen zu ihrer Romanwerkstatt zu öffnen. Zum Glück hat sie aufgemacht, als wir geklingelt haben.
Ich erinnere mich an einen Moment kurz nach unserer Einwanderung nach Deutschland. Zwischen Polen und dem deutschen Fürstenwalde fuhren wir durch einen Wald, mein Großvater am Steuer, diese stoische Ruhe von Männern, die lieber falsch abbiegen als nach dem Weg zu fragen. Es gab keinen Empfang. Die mechanische, leicht passiv-aggressive Stimme vom Navi hatte schon länger nichts mehr von sich gegeben.
Er bog in einen Feldweg ein. Wir hatten immer noch keinen Schimmer, wo wir uns befanden und der Weg war gepflastert mit alten Wohnwagen. Zuerst hielten wir es für so eine Art Müllhalde im Nirgendwo. Ein DIY-Schrottplatz sozusagen. Für mich hatte das schon irgendwie etwas mystisches an sich.
Mein Großvater stieg aus und hatte sich dann endlich doch dazu überwunden, an eine der verwahrlosten Blechkisten zu klopfen. Eine Frau öffnete. Polnisch. Sie redeten. Ich saß im Auto und hatte plötzlich sehr viel Zeit, mir Dinge vorzustellen, die ich mir eigentlich noch gar nicht vorstellen wollte. Ihr Atem stand in der Luft, meiner wahrscheinlich auch, aber ich war zu beschäftigt damit, mir auszumalen, wie dünn die Linie ist zwischen „im Auto sitzen“ und „in diesem Wagen wohnen“.
Und ich dachte, nicht dramatisch, eher so beiläufig, wie man Dinge denkt, die sich dann leider einprägen, dass ich auch einmal so enden könnte.
Das ist ja das Absurde. Dass man jung ist und trotzdem schon eine Ahnung davon hat, wie schnell sich alles verschieben kann. Wie wenig es braucht. Und dass dieses Wissen so ein hartnäckiger Gedanke ist, der sich irgendwo festsetzt.
Ich war zwar jung, aber ich verstand, was diese Wohnwagen bedeuteten. Jedes Mädchen aus Osteuropa versteht es, irgendwann.
Und aus genau diesem Verstehen heraus ist „Lila Tage“ entstanden.
Wie das Buch entstand
Romane beginnen bei mir nie mit einer Idee. Wirklich nicht. Ich wünschte fast, es wäre so, weil Ideen irgendwie seriöser klingen. Es ist immer eine Perspektive. Eine Stimme. Und die ist irritierend nah an meiner eigenen dran, so nah, dass ich manchmal nicht genau sagen kann, wo ich aufhöre und sie anfängt. Was einerseits praktisch ist, weil ich sofort weiß, wie sie spricht und andererseits maximal unangenehm, weil ich mir dann schlecht einreden kann, das hätte alles nichts mit mir zu tun.
Catrinel war genau so eine Stimme. Eine Rumänin, die nach Frankreich will und bei Janis Joplin landen möchte, stattdessen aber in Prag an einem Bahnhof endet. Ohne Ausweis, ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse. Also ohne alles, was man normalerweise braucht, um als „richtige“ Person durchzugehen.
Und dann liegt sie da, zwischen den Zügen, und schläft zu deren wärmenden Abgasen ein. Was schon fast eine Pointe wäre, wenn es nicht so unangenehm nah an der Realität wäre. Es ist diese Art von Schlaf, die weniger mit Müdigkeit zu tun hat als mit Kapitulation. Bis Madame Horák kommt, sie wachrüttelt und sie einfach in die nächste Realität verschiebt: ein Freudenhaus. Catrinel ist weder Opfer noch Heldin, und genau das macht es so schwer auszuhalten. Sie ist eine Frau, die von systematischen Umständen, von einer Notlösung in die andere geschubst wird. Eine Überlebende. Mehr nicht, aber eben auch nicht weniger.
Dieses Buch hat mich Kraft gekostet, aber nicht auf die Art, auf die man das gern erzählt, um sich selbst ein bisschen zu erhöhen. Nicht, weil es „so schwere Szenen“ waren. Sondern weil sie sich zu vertraut angefühlt haben. Weil ich beim Schreiben nicht das Gefühl hatte, ich erfinde etwas, sondern eher, ich erinnere mich an etwas, das ich nie ganz vergessen konnte. Als Migrantin aus Osteuropa schreibe ich nicht über Catrinel. Ich schreibe durch Menschen, dessen Realitäten ich hautnah miterlebt habe. Und das ist deutlich unangenehmer, als es klingt.
„Was machst du hier allein?
Du bist doch jemandes Tochter.“
„Jeder ist jemandes Tochter.“
Dieser Dialog ist wahrscheinlich der ehrlichste Kern des ganzen Buches. So ein Satz, der auf den ersten Blick weich wirkt und auf den zweiten ziemlich kompromisslos ist, weil er gleichzeitig alles und nichts bedeutet. Ja, jeder ist jemandes Tochter, und genau deshalb gehört man eben nicht automatisch jemandem. Nicht einem System, das einen verwaltet. Nicht einem Käufer, der glaubt, er hätte das Recht auf einen Körper. Nicht einem Staat, der entscheidet, wer bleiben darf und wer nicht.
„Jeder ist jemandes Tochter“ heißt im besten Fall: Ich gehöre mir selbst. Und im schlimmsten Fall: Niemand wird kommen, um mich zu retten.
Prostitution – ein selbstverständlich politisches Thema?
Ich habe lange gezögert, das Wort „politisch“ in Verbindung mit diesem Roman zu benutzen. Nicht, weil es das nicht wäre, sondern weil „politisch“ so ein Wort ist, das sich gern vor Menschen stellt und dann so tut, als würde es sich hier weniger um Menschen, als um abstrakte Zahlen handeln. Und ich wollte nicht, dass die Frauen in meinem Roman zu Beweisstücken werden. Oder schlimmer noch, zu Symbolen, die man gut zitieren kann, aber dafür selten beim Namen nennt.
Die sollen erstmal einfach existieren dürfen. Als Menschen. Mit widersprüchlichen Entscheidungen, mit Dingen, die keinen Sinn ergeben, mit Momenten, in denen sie sich selbst im Weg stehen. Also genau so, wie echte Menschen eben sind, und nicht so, wie politische Narrative sie gern hätten.
Aber natürlich ist es trotzdem politisch. Und zwar auf diese unangenehme, nicht-wegdiskutierbare Art. Weil das, was diesen Frauen passiert, nicht aus dem Nichts kommt. Das ist kein individuelles Scheitern, kein „hätte sie sich mal anders entschieden“. Das ist Struktur. Und Struktur ist so ein Wort, das erstmal abstrakt klingt, bis man merkt, dass es sehr konkret darüber entscheidet, wer welche Optionen hat, und wer eben nicht.
Und das Gute, oder zumindest das, woran ich festhalte, ist, dass Strukturen nicht gottgegeben sind. Sie sind gemacht. Und alles, was gemacht ist, kann auch verändert werden. Das ist im Kern das Versprechen vom Sozialismus. Und ja, ich glaube daran. Nicht als Möchtegern-aktivistische Pose, sondern ziemlich ernsthaft.
Die sexuelle Ausbeutung von Frauen ist kein Naturgesetz. Sie ist nichts, was einfach passiert, weil die Welt nun mal eben so ist. Sie entsteht unter bestimmten Bedingungen. Wirtschaftliche Ungleichheit. Fehlende Alternativen. Und diese zähen, oft unsichtbaren patriarchalen Systeme, die bestimmten Körpern einen Wert zuschreiben, der sich plötzlich in Geld übersetzen lässt.
Und dann wirkt es von außen manchmal wie eine Entscheidung. Als hätten diese Frauen sich einfach dafür entschieden. Was eine ziemlich komfortable Perspektive ist, wenn man selbst nie in der Situation war, keine echte Wahl zu haben.
Eine Gesellschaft, die das ernst nimmt, muss nicht reflexhaft verbieten. Verbote sind oft nur die schnellste Art, sich moralisch auf die richtige Seite zu stellen, ohne wirklich etwas zu verändern. Wenn man es ernst meint, muss man die Bedingungen verändern. Die Gründe, die Frauen überhaupt erst in diese Situationen bringen.
Alles andere ist im besten Fall Symbolpolitik. Und im schlechtesten einfach Gleichgültigkeit mit besserem Marketing.
Was die Zahlen zeigen
Ich versuche kurz bei den Fakten zu bleiben. Was schon deshalb schwierig ist, weil Fakten selten neutral bleiben, sobald man sie wirklich anschaut. Sie haben die unangenehme Eigenschaft, Gesichter zu bekommen.
Ende 2024 waren laut Statistisches Bundesamt rund 32.300 Personen in Deutschland als Prostituierte angemeldet. 83 Prozent davon ohne deutsche Staatsbürgerschaft. 36 Prozent rumänisch, also genau die Herkunft, die man sonst gern als Randnotiz behandelt. Die Hilfsorganisation SOLWODI schätzt zusätzlich etwa 250.000 Menschen, die illegal in der Prostitution arbeiten. Und das Robert Koch-Institut spricht von mindestens 73 Prozent Migrantinnen unter den weiblichen Prostituierten.
Man kann diese Zahlen lesen wie Zahlen. Oder man liest sie einmal richtig, und dann bleiben sie nicht länger bloß begrifflich. Diese Zahlen sind nichts anderes als Gesichter, als jemandes Tochter. Ich sehe diese Frau im Wohnwagen am Waldrand, und plötzlich ist das alles nicht mehr so weit weg wie man es gern hätte.
Die Bundeszentrale für politische Bildung formuliert es erstaunlich nüchtern: Die Hauptursachen von Menschenhandel, Armut und Perspektivlosigkeit in den Herkunftsländern lassen sich durch Gesetze und Behörden nur begrenzt beeindrucken. Was ein sehr höflicher Weg ist, zu sagen, dass man an den eigentlichen Problemen oft vorbeireguliert.
Nach 1989, nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme, hat sich wirtschaftlich sehr viel verschoben. Und wie so oft haben sich diese Verschiebungen nicht gleichmäßig verteilt. Frauen waren überproportional betroffen. Massenarbeitslosigkeit, bröckelnde Sozialsysteme, plötzlich fehlende Sicherheiten. Es ist fast schon irritierend, wie konstant dieses Muster ist – wirtschaftliche Krisen treffen Frauen härter. Damals wie heute.
Und dann kommt noch etwas dazu, das man gern als „individuelle Geschichte“ abtun würde, wenn es nicht so auffällig häufig wäre. Laut Bundesfamilienministerium sind 53 Prozent der Frauen in der Prostitution ohne einen Elternteil, in Pflegefamilien oder in Heimen aufgewachsen. In der Gesamtbevölkerung sind es 19 Prozent. Das ist eine deutliche Verschiebung.
Biografische Verletzlichkeit trifft auf strukturelle Armut. Und wenn zwei Dinge so zuverlässig zusammenfallen, dann ist es irgendwann nicht mehr überzeugend, von Zufall zu sprechen. Dann ist es das, was man nicht so gern ausspricht, weil es eine sofortige Änderung mit sich fordert: ein System.
Die Frauen im Buch, und warum sie keine Opfer sind
Was mich beim Schreiben am meisten beschäftigt hat, war gar nicht die Frage, was ich erzähle, sondern wie. Wie schreibt man über Frauen in der Prostitution, ohne sofort in diese sehr bequeme Falle zu tappen, sie zu Opfern zu machen? Ohne ihnen genau das zu nehmen, was sie sich unter den widrigsten Umständen irgendwie trotzdem bewahrt haben – Handlungsspielraum. Würde. So eine störrische Form von Eigenheit.
Natürlich wäre es einfacher, sie zu retten. Literarisch meine ich. Sie entweder ganz unten zu zeigen oder ganz oben, als Heldinnen, die sich aus allem befreien. Beides funktioniert gut, beides ist irgendwie befriedigend. Und beides ist unehrlich.
Catrinel zum Beispiel tanzt gut. Wirklich gut. Sie hört The Doors. Sie klaut Bücher aus dem Kiosk. Sie hat Humor. Sie hat Sehnsucht. Sie verliebt sich in eine Frau, und das passiert nicht trotz allem, sondern mittendrin.
Clarice hat ihr Kind verloren und macht dann etwas, das gleichzeitig rührend und verstörend ist. Sie richtet sich ihr Leben so ein als wäre die Küche ein Ort, an dem alles noch so ist wie früher. Als könnte man durch Wiederholung eine Art Kontrolle herstellen, die es eigentlich nicht mehr gibt.
Esmé ist neunzehn und wird von den anderen behandelt wie ein Kind, das man ein bisschen länger schlafen lässt, weil man weiß, wie viel härter ihr Leben ist, im Gegensatz zu dem Leben von anderen Mädchen in ihrem Alter.
Und Pat summt den ganzen Tag, weil ihr eigener Mann sie durch eine Lobotomie lebensunfähig gemacht hat. Außer zu summen bleibt ihr nichts anderes übrig.
Diese Frauen sind nicht zu retten. Zumindest nicht auf die Art wie Geschichten das gern hätten. Sie retten sich gegenseitig, manchmal. Und manchmal eben nicht. Und genau das ist wahrscheinlich näher an der Wahrheit als jede sauber erzählte Erlösung.
„Ich dachte dann oft, dass sie meine Schwester ist, dass wir irgendwie alle Schwestern sind.“
Das ist der politischste Satz im ganzen Buch, auch wenn er gar nicht so klingt. Weil er einfach nur beschreibt, was passiert, wenn alles andere ausfällt: der Staat, das System, die Familie, diese großen Konstruktionen, auf die man sich theoretisch verlassen soll. Dann bleiben Frauen übrig, die sich umeinander kümmern, weil es keine Alternative gibt. Solidarität aus der Notwendigkeit heraus und vielleicht gerade deshalb so radikal.
Was wir fordern müssten
Ein sozialistischer Feminismus, und ich meine das wirklich nicht als dieses leicht ironisch mitgedachte Schlagwort, das man sich irgendwo ins Profil schreibt, würde sagen: Die Befreiung der Frau ist kein Einzelprojekt. Das ist nichts, was man sich einfach vornimmt wie „Ich arbeite jetzt an mir“. Das ist strukturell oder es ist gar nichts.
Denn solange Armut weiblich ist, solange Frauen aus Osteuropa faktisch keine sicheren, legalen Wege haben, sich zu bewegen, solange Arbeitsmärkte ihnen keine echten Perspektiven bieten, ist die Idee von „freier Entscheidung“ irgendwann eher ein rhetorischer Trick als Realität. Dann landen Frauen in Situationen, die man im Nachhinein gern als individuelle Entscheidungen beschreibt, weil das für alle Beteiligten bequemer ist.
Deutschland hat 2002 Prostitution legalisiert und 2017 das Prostituiertenschutzgesetz eingeführt. Gute Absichten, wirklich. Rechte, Schutz, Sichtbarkeit, das klingt alles nach Fortschritt. Und ich glaube auch, dass es nicht falsch war, das zu versuchen. Aber die Realität ist eben nicht automatisch das, was man sich politisch vorgenommen hat.
Der Migrantinnenanteil ist seit der EU-Erweiterung auf über 60 Prozent gestiegen. Und laut Bundesfamilienministerium sind Prostituierte zwei- bis dreimal häufiger von körperlicher Gewalt betroffen als Frauen im Durchschnitt. Das ist ziemlich eindeutig. Legalisierung löst das Problem nicht. Sie verschiebt es. Sie macht es sichtbarer, beseitigt es jedoch nicht. Und dann steht man da und merkt, dass die eigentlichen Hebel woanders liegen. Weniger spektakulär, weniger schnell umsetzbar, aber eben auch weniger oberflächlich.
Armut bekämpfen, wirklich bekämpfen, nicht nur verwalten. Bildung fördern, besonders für Mädchen, die jetzt schon systematisch aus dem System herausgedrängt werden, zum Beispiel viele Roma-Mädchen in Osteuropa, über die man erschreckend wenig spricht, obwohl die Heinrich-Böll-Stiftung das seit Jahren ziemlich klar dokumentiert.
Legale Einwanderungswege schaffen, die nicht so kompliziert sind, dass sie am Ende durch Menschenhändler ersetzt werden, weil die zumindest funktionieren. Und vielleicht das Unbequemste: Zuhören. Den Frauen selbst. Nicht nur dann, wenn sie das sagen, was ins eigene Weltbild passt, sondern auch dann, wenn es widersprüchlich wird. Wenn es nicht eindeutig ist. Wenn es nicht sofort politisch verwertbar ist.
Weil alles andere am Ende wieder nur das ist, was man eigentlich vermeiden wollte, nämlich über sie reden, ohne sie wirklich zu hören.
Zurück zum Waldrand
Manchmal denke ich noch an diese Frau im Wohnwagen. Was schon deshalb merkwürdig ist, weil ich eigentlich nichts über sie weiß. Nicht ihren Namen, nicht, ob sie noch dort ist, nicht einmal, ob sie sich selbst an diesen Moment erinnern würde. Und trotzdem bleibt genau dieses Detail hängen, wie mein Großvater mit ihr gesprochen hat. Ganz normal. Nicht wie mit einer Randfigur oder wie mit einem Problem, sondern wie mit einem Menschen. Was absurd klingt, wenn man es extra betont und doch genau der Punkt ist.
„Lila Tage“ ist im Grunde mein Versuch, genau das zu wiederholen. Nur eben literarisch. Also etwas zu tun, was Gesetze und Statistiken notorisch schlecht können, und zwar in ein Innenleben gehen, ohne es sofort erklären zu wollen. Ohne diese beinahe reflexhafte Geste des Rettens, die oft mehr über die Rettenden aussagt als über die, die angeblich gerettet werden sollen.
Catrinel sitzt am Ende in einem Polizeiauto und weiß ziemlich genau, was jetzt passieren wird. Dass sie verurteilt wird. Dass die Geschichte an dieser Stelle keine elegante Wendung mehr nimmt. Aber sie weiß auch etwas anderes. Dass Ruby sie geliebt hat. Und dass Madame Horák sie nicht weich gemacht hat. Was vielleicht die unspektakulärste und gleichzeitig radikalste Form von Würde ist, die man haben kann – nicht gebrochen zu sein, obwohl alles systematisch darauf ausgelegt war.
Und dann sind da wieder die Zahlen, die sich so hartnäckig halten, dass man sie irgendwann nicht mehr als vorübergehend abtun kann. Ende 2024 sind 83 Prozent der gemeldeten Prostituierten in Deutschland Ausländerinnen. Das ist ein Zustand, der sich erstaunlich wenig verändert hat.
Die Ursachen sind noch da. Die Strukturen auch. Und wahrscheinlich stehen auch diese Wohnwagen noch irgendwo an Waldrändern, wo man sie leicht ausblenden kann.
Aber vielleicht gibt es jetzt zumindest ein Buch, das sich weigert, wegzusehen. Und das diese Frauen nicht nur als Zahl kennt, sondern ihnen Namen gibt.
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