von: Florian Bötsch

September 21, 2026

Kannst du kurz? Über die Vergesellschaftung der Sorgearbeit

Boetsch F 1 Vergesellschaftung der Sorgearbeit

Editorial: Alexandra Kollontai schreibt in ihrem Text “Arbeiterfrau und Mutter” (1916) von den Glückseligkeiten der Mutterschaft einer Frau, die einen reichen Fabrikdirektor zum Ehegatten hat. Ihr Glück ist so beschaffen, dass sie ihren Sohn in die Arme schließen kann, wenn es ihr beliebt. Als sie ihn aufnimmt, ist er bereits sauber geputzt und wohl ernährt worden – von wem? Von ihrer Haushälterin. Alexandra Kollontai entwirft in diesem Text nicht nur das unterdrückerische Verhältnis ungleicher Klassenpositionen (Herrin-Dienerin), sondern gleichzeitig eine Vorstellung von einer Gesellschaft, die auch der Dienerin, der arbeitenden Frau ein ebensolches Glück ermöglichen soll: Ein wohlgenährtes, umsorgtes Kind vorzufinden, wenn sie nach Hause kommt, anstatt nach einem langen Arbeitstag einen ganzen Haushalt schmeißen zu müssen. Hundert Jahre später fragt Florian Bötsch in seinem Text “Kannst du kurz?” nach den gegenwärtigen Hindernissen für jene Gesellschaft des elterlichen Glücks; und den Bedingungen, die es für die vollständige Vergesellschaftung von Sorgearbeit braucht. Am Beispiel seiner eigenen Wohngemeinschaft werden die Grenzen des privaten Haushaltes im Kapitalismus deutlich: Fünf Genossinnen und Genossen können sich zwar mächtig ins Zeug legen und Aufgaben gerecht verteilen; doch Lohnabhängigkeit und Profitzwang scharren psychisch an der Wohnungstür, obwohl sie letztlich jederzeit unter uns sind, um vor allem über eines zu bestimmen: die Zeit, die wir zum Sorgen, zum Pflegen, zum Trösten und zum Lieben haben.

Kannst du kurz? Über die Vergesellschaftung der Sorgearbeit

Bobby sitzt im Hochstuhl. Ich muss noch einmal in die Küche. Kannst du kurz? Kann sie. Es dauert vielleicht zwei Minuten. Vermutlich weniger. Es ist keine Kinderbetreuung, jedenfalls würde niemand von uns auf die Idee kommen, diese zwei Minuten so zu nennen. Ich komme zurück. Bobby sitzt noch im Hochstuhl. Die Genossin sitzt daneben und füttert ihn.

Solche Dinge passieren ständig. Ich gehe duschen, jemand bleibt bei Bobby, eine kocht und kocht gleich mehr. Jemand stellt fest, dass Bobby gewickelt werden muss und wickelt ihn. Eine Genossin wickelt ihn mittlerweile häufiger als alle anderen in der WG. Manchmal übernimmt eine einen Arzttermin, manchmal eine Mahlzeit. Mittwochs übernimmt eine Genossin seine Betreuung vollständig bis zum Abendessen. Wir sind zu fünft mit Bobby. Bobby nennt eine unserer Genossinnen Didi. Didi ist seine Bezeichnung für Tante, Oma oder sorgende Genossin. Wo genau unsere Genossin darin liegt, ist seine Sache. Die Namen unserer Mitbewohnerinnen gehörten jedenfalls zu den ersten Namen, die er gelernt hat. Es funktioniert so selbstverständlich, dass mir erst mit der Zeit aufgefallen ist, was daran nicht selbstverständlich ist.

Die eigenen vier Wände

1889 schreibt Clara Zetkin über die Arbeiterinnen- und Frauenfrage. 1920 schreibt Alexandra Kollontai über den Kommunismus und die Familie. Über hundert Jahre später sitze ich in einer WG, schreibe meine Masterarbeit und frage mich, wer kurz auf Bobby aufpassen kann. Zetkin beschreibt die Familie nicht als etwas Ewiges. Ihre Form, die Stellung der Frau in ihr und die Arbeit innerhalb des Haushalts sind historisch entstanden. Mit der kapitalistischen Entwicklung werden Tätigkeiten, die einmal im Haushalt stattfanden, aus diesem herausgelöst und gesellschaftlich organisiert.

Kollontai treibt diesen Gedanken weiter. Die einzelne Hauswirtschaft hat bereits einen großen Teil ihrer früheren Funktionen verloren. Kleidung wird industriell produziert, statt zu Hause hergestellt zu werden. Lebensmittel kommen aus gesellschaftlicher Produktion. Und trotzdem kochen, waschen, putzen und betreuen Millionen Haushalte weiter nebeneinanderher. Es wurde gestern gekocht. Heute wird wieder gekocht. Morgen deutet sich bereits an, dass erneut jemand Hunger haben wird.

Kollontais Frage ist nicht nur, warum hauptsächlich Frauen diese Arbeiten übernehmen. Ihre Frage geht weiter: Warum werden sie überhaupt immer wieder in einzelnen Haushalten verrichtet? Diese Frage ist heute nicht erledigt. Wir haben Kitas, Schulen, Mensen, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen. Wenn Bobby krank wird, kann ich mich bei meiner Lohnarbeit „Kind krank“ melden. Manchmal können wir ihn für 2,50 Euro die Stunde in ein betreutes Kinderzimmer der Universität bringen. Wir haben Sorge längst teilweise vergesellschaftet. Und zwar bis zu dem Punkt, wo der Staat, nach seiner eigenen Auswahl, Sorgeberechtigte sieht oder nicht. Aber niemals reichte Sorge an die Schwelle des Kapitalisten, da seine Schuld am Elend mit der Lohnüberweisung abgegolten ist. Unabhängig davon, ob diese zum Leben reicht oder nicht. Die Gesellschaft, der wir die Sorge untergeordnet haben, ist die Gesellschaft der Profitlogik. Die Profitlogik ist auch die Uhr, nach der die Sorge laufen muss.

Wer verfügt über den Mittwoch?

Montag und Dienstag kümmere ich mich um Bobby. Mittwoch übernimmt eine Genossin. Donnerstag und Freitag hauptsächlich seine Mutter. Das Wochenende teilen wir. Mittwoch arbeite ich einen halben Tag bezahlt in einem Forschungsinstitut und einen halben Tag unbezahlt für einen Verlag. Dass ich arbeiten kann, setzt voraus, dass jemand anderes sorgt.

Das ist keine Besonderheit unserer WG. Jeden Morgen verlassen Millionen Menschen ihre Wohnungen und erscheinen an ihren Arbeitsplätzen. Sie können das nur, weil gleichzeitig Kinder betreut, Menschen gepflegt, Essen zubereitet, Wäsche gewaschen, Wohnungen gereinigt und der Alltag organisiert wird. Der Betrieb interessiert sich für den Menschen vor allem dann, wenn er arbeitsfähig vor ihm steht. Wie er dort hingekommen ist, wer sein Kind währenddessen betreut, wer seine Eltern pflegt, wer eingekauft hat, wer nachts mit dem Kind wach war, wer dafür sorgt, dass am nächsten Morgen saubere Kleidung vorhanden ist – all das erscheint außerhalb des Betriebs. Bis es nicht mehr funktioniert.

Dann heißt es: Kind krank. Für einige Tage darf die Sorge in die Arbeitszeit einbrechen. Das Kind ist die Abweichung. Die Lohnarbeit besitzt die Woche. Sorge bekommt Ausnahmen.

Didi kann nicht stillen

Wir versuchen es anders. Wir teilen Mental Load. Wir teilen Betreuung. Unsere Genossinnen übernehmen Teile davon. Trotzdem trägt Bobbys Mutter körperlich und mental mehr. Sie stillt ihn. Gerade wenn Bobby müde ist, überfordert, traurig oder die Welt mit eineinhalb Jahren wieder eine Zumutung darstellt, führt viel seiner Regulation zurück zu ihr.

Didi kann wickeln. Didi kann Essen geben. Eine Genossin kann mit Bobby zum Arzt. Ich kann ganze Tage übernehmen. Didi kann nicht stillen. Das ist kein Organisationsfehler unserer WG. Nicht jede Ungleichheit lässt sich durch einen besser organisierten Kalender oder Putzplan beheben. Der Körper hat unseren Putzplan nicht gelesen. Aber daraus folgt nicht, dass die restliche Ungleichheit ebenfalls naturgegeben wäre. Dass seine Mutter stillt, ist kein überzeugender Grund dafür, dass sie deshalb auch kochen sollte. Dass sie nachts häufiger gebraucht wird, ist keiner dafür, dass sie am nächsten Morgen genauso funktionieren muss wie jemand, der durchgeschlafen hat.

Die Sorge innerhalb unserer Wohnung wird nicht plötzlich zu einer gesellschaftlichen Frage. Sie war es die ganze Zeit. Nur erscheint sie als private. Wir können Sorge verteilen, bis jede Spalte im Aufgabenplan gerecht aussieht, Mittwoch neu verteilen, Windeln, Arzttermine und Mahlzeiten. Was wir dabei verteilen, sind aber Aufgaben unter Bedingungen, die wir uns nicht selbst ausgesucht haben. Wie viel Zeit Lohnarbeit beansprucht, welche Betreuung zur Verfügung steht und was am Ende im Haushalt hängen bleibt, wird außerhalb unserer Wohnung bestimmt.

Der Privathaushalt erscheint dabei trotzdem als Ausgangspunkt: Hier ist die Familie, hier sind ihre Bedürfnisse, hier muss sie sich eben organisieren. Tatsächlich ist auch diese Privatheit gesellschaftlich organisiert. Die Trennung zwischen der Arbeit, die gesellschaftlich als Arbeit erscheint, und jener, die hinter der Wohnungstür verschwinden soll, ist selbst Teil dieser Verhältnisse. Für das Kapital ist diese Trennung ausgesprochen praktisch: Die Arbeitskraft steht morgens zur Verfügung. Wer nachts mit dem Kind wach war, wer gekocht, geputzt, gepflegt und getröstet hat, kann Privatsache bleiben.

Unsere WG macht Sorge nicht zu einer gesellschaftlichen Angelegenheit. Sie macht nur sichtbarer, dass sie nie bloß eine private war.

Donnerstag ist Masterarbeit

Donnerstags sitze ich an meiner Masterarbeit. Freitags arbeite ich ganztags im Institut. Abends, wenn Bobby schläft, beginnt gegen 20:30 Uhr die freie Zeit. Theoretisch. Mails müssen beantwortet werden. Bücher müssen verschickt werden. Hausarbeit fällt an. Die Wohnung hat den Putzplan gelesen und besteht auf dessen Einhaltung.

Das Problem ließe sich als individuelles Zeitmanagement beschreiben. Dann müsste ich effizienter werden. Als partnerschaftliches Problem: Dann müssten wir gerechter teilen. Als Problem unserer WG: Dann bräuchten wir einen besseren Plan. Alle drei Antworten haben den Vorteil, dass die Arbeitswoche bleibt, wie sie ist. Sorge wird weiterhin um sie herum organisiert.

Die Kleinfamilie ist unter diesen Bedingungen nicht nur praktisch. Sie hält die gesellschaftliche Reproduktion dort, wo sie für das Kapital am billigsten ist: im Privaten. Irgendjemand muss schließlich zuständig sein. Historisch war dieses Irgendjemand fast immer eine Frau.

Dass wir diese Zuständigkeit anders verteilen, ist deshalb noch keine Befreiung. Es ist auch mehr als partnerschaftliche Fairness: ein Einverständnis unter Genoss:innen, die Zumutungen dieser Verhältnisse gemeinsam zu tragen, statt sie wieder bei den Frauen abzuladen. Das macht aus unserem Putzplan noch keinen Klassenkampf. Aber wir verwechseln die gerechtere Verteilung auch nicht mit dem Ziel.

Denn zwei gleichermaßen erschöpfte Menschen sind noch kein gesellschaftlicher Fortschritt. Der müsste die materiellen Bedingungen verändern. Solange das nicht geschieht, bleibt auch Gleichberechtigung prekär. Wenn Betreuung fehlt, Geld knapp wird oder die Lohnarbeit mehr fordert, steht schnell wieder die alte Frage im Raum, wer zurücksteckt.

Lohn für Windeln

Eine andere Antwort lautet: Wenn Haus- und Sorgearbeit Arbeit sind, dann bezahlt sie. Der Text „Ist Hausarbeit ein ‚unbezahlter‘ Job? – einer falschen Theorie folgen reaktionäre Positionen in der Praxis“ widerspricht dieser Vorstellung. Private Hausarbeit ist nicht einfach Lohnarbeit, für die bislang vergessen wurde, einen Lohn zu überweisen.

Für unsere Frage ist vor allem die politische Konsequenz wichtig. Ein Lohn fürs Kochen beantwortet nicht, warum in jedem Haushalt einzeln gekocht wird. Ein Lohn fürs Putzen nicht, warum dieselbe Arbeit hinter jeder Wohnungstür wieder beginnt. Und ein Lohn für private Hausarbeit kann die Zuständigkeit sogar festschreiben: Du machst diese Arbeit. Jetzt wirst du dafür bezahlt. Damit bleibt auch die häusliche Isolation bestehen. Wo Frauen dagegen Teil der gesellschaftlichen Produktion sind, können sie sich gemeinsam organisieren, streiken und an gesellschaftlichen Kämpfen teilnehmen. Kollontais Forderung geht deshalb weiter. Nicht die Isolation finanzieren. Sie aufheben.

Das darf wiederum nicht bedeuten, die Arbeit lediglich aus dem Haushalt herauszuschieben und dort von anderen Frauen schlecht bezahlt erledigen zu lassen. Eine privatisierte Kita, eine unterbesetzte Pflegeeinrichtung und eine Reinigungskraft mit Niedriglohn sind keine befreite Gesellschaft, nur weil die Arbeit jetzt auf einer Lohnabrechnung auftaucht. Vergesellschaftung stellt deshalb nicht nur die Frage, wer Sorgearbeit macht. Sie stellt die Frage, wer über unsere Zeit, die notwendigen Arbeiten und ihre Bedingungen entscheidet.

Wir wohnen nicht im Kommunismus

Unsere WG ist darauf keine Antwort. Sie funktioniert, weil Menschen freiwillig Verantwortung füreinander übernehmen. Unsere Genossin betreut Bobby gerne. Sie versteht es als Teil des kollektiven Zusammenlebens und als politische Entscheidung. Wir behandeln Bobby nicht als Privatangelegenheit seiner Eltern.

Aber wir können keine Zeit herstellen. Wenn alle arbeiten müssen, haben fünf Menschen gemeinsam keine Zeit. Wird Bobby krank, springen letztlich seine Eltern ein. Wenn Betreuung fehlt, müssen wir sie organisieren. Wenn Arbeitszeiten und Sorge kollidieren, wird das Problem zunächst unseres. Solidarität kann auffangen, was fehlt. Sie sollte nicht dafür verantwortlich sein, dass es fehlt.

Vielleicht liegt genau darin die Grenze unseres kleinen Kollektivs. Wir können innerhalb unserer Wohnung anders miteinander umgehen. Die Verhältnisse vor der Wohnungstür verschwinden dadurch nicht. Fünf Menschen können Sorge anders verteilen. Sie können sich aber keine kürzere Arbeitswoche beschließen.

Kannst du kurz?

Vergesellschaftung der Sorgearbeit müsste deshalb mehr heißen als mehr Kitaplätze. Sie stellt die Frage, warum gesellschaftlich notwendige Sorge den Anforderungen der Lohnarbeit angepasst wird und nicht die gesellschaftliche Arbeit den Bedürfnissen der Menschen.

Warum verbringen wir einen so großen Teil unserer verfügbaren Zeit damit, unsere Arbeitskraft zu verkaufen und versuchen anschließend, Kinder, Beziehungen, Pflege, politische Arbeit, Haushalt und Erholung in den verbleibenden Stunden unterzubringen? Warum wird technischer Fortschritt daran gemessen, wie produktiv eine Arbeitsstunde wird, ohne dass daraus notwendigerweise folgt, dass wir weniger davon arbeiten müssen? Warum ist die Zeit, die Menschen füreinander brauchen, immer wieder die Zeit, die irgendwo noch übrig bleiben soll?

Ich will nicht von Bobby befreit werden. Ich will Zeit mit ihm verbringen. Mit ihm essen, spielen, rausgehen. Ich will sehen, wie er neue Wörter lernt und ihn trösten können. Vielleicht liegt darin die Schwierigkeit des Begriffs Sorgearbeit. Sorge ist Arbeit. Sorge ist aber nicht nur Arbeit.

Der Widerspruch liegt darin, dass sich beides nicht sauber voneinander trennen lässt. Ich muss Bobby trösten, aber ich will ihn auch trösten. Menschen sorgen füreinander, weil sie aufeinander angewiesen und miteinander verbunden sind. Gerade daraus kann aber eine Verpflichtung werden: Weil du liebst, bist du zuständig. Weil du zuständig bist, erledigst du die Arbeit. Und weil diese Arbeit aus Liebe geschieht, kann sie schließlich als Privatsache erscheinen.

Vergesellschaftung müsste diesen Widerspruch nicht auflösen, indem sie uns die Sorge füreinander abnimmt. Sie müsste uns möglichst viel von ihrer erzwungenen, isolierten und ungleich verteilten Arbeit abnehmen, damit mehr von dem übrig bleibt, worum es eigentlich gehen sollte: füreinander da zu sein.

Bobby sitzt im Hochstuhl. Ich muss noch einmal in die Küche. Kannst du kurz? Kann sie.

Fünf Menschen sind noch keine Gesellschaft.

Aber vielleicht sollte eine Gesellschaft ein bisschen mehr wie fünf Menschen funktionieren, die wissen, dass keiner von ihnen alleine klarkommen muss.

Weiterführende Literatur und Links:

– Clara Zetkin, Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart (1889) https://www.marxists.org/deutsch/archiv/zetkin/1889/frauen/index.html

– Alexandra Kollontai, Communism and the Family (1920) https://www.marxists.org/archive/kollonta/1920/communism-family.htm

– Lucha de Clases, Ist Hausarbeit ein „unbezahlter“ Job? – einer falschen Theorie folgen reaktionäre Positionen in der Praxis https://derkommunist.de/ist-hausarbeit-ein-unbezahlter-job-einer-falschen-theorie-folgen-reaktionaere-positionen-in-der-praxis-2/

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