von: Anonym

Juli 9, 2026

Klassenkampf International II: Marokko

Anonym 1 1 Klassenkampf International

Klassenkampf International II: Marokko

Editorial: Mit der Reihe „Klassenkampf International“ wollen wir Erfahrungen, Analysen und Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung zugänglich machen. In der zweiten Ausgabe geht es um Marokko: Unsere Autorin, die aufgrund potentieller Repressionen für sich und ihre Familie anonym bleiben möchte, schreibt uns von einem Land, das lange Zeit unter einer rigorosen Ausbeutung stand, vor allem durch Spanien und Frankreich. Als Marokko schließlich unabhängig wurde, war die neue Freiheit ein frei-Sein von Sicherheit und Versorgung: Insbesondere Frankreich zog seine gesellschaftserhaltenden Ressourcen und Infrastrukturen ab und überließ das junge Marokko sich selbst – und damit häufig: dem Tod. Viele Marokkanerinnen und Marokkaner begriffen ihre Freiheit demnach als die folgende: Ein ganzes Land unter größten Opfern aufbauen oder sich im Land der Ausbeuter opfern. “Krieg den Palästen” zeigt diesen Widerspruch auf, und nimmt uns mit in französische Minen, ins marokkanische Königshaus, das sich in einem neokolonialen Gefüge zu einem kleinimperialistischen Staat gemausert hat. Spätestens mit den “Abraham Accords”, einem Vertrag unter Federführung Donald Trumps, normalisierte Marokko seine Beziehungen zu Israel und tritt als verlässlicher Verbündeter westlicher Mächte auf. Dessen Oberhaupt, Mohammed VI., regiert dieses Land von 12 Palästen aus und lässt jeden revolutionären Kampf der Jugend und der Arbeiterklasse blutig niederschlagen. Währenddessen ist Marokko ein Eldorado des Tourismus, ein Sehnsuchtsort von Europäerinnen und Europäern geworden. Diese sitzen in den Innenhöfen Marrakeschs, während Arbeiterinnen für ein deutsches Kindergeld (€259/Monat) deren Ferienappartements säubern und sich die Innenstadtbezirke schon lange nicht mehr leisten können.

Krieg den Palästen!

1955 wurde mein Vater in einem Dorf an der Mittelmeerküste in Nordmarokko geboren. In der widerständigen und isolierten Rif-Region, die drei Jahre als Rif-Republik den antikolonialen Kampf gegen die spanischen Besatzer führte und schließlich kapitulierte. 1955 noch ”’Spanisch-Marokko” genannt, wird Marokko ein Jahr später, 1956, unabhängig. Die spanischen und französischen Besatzer verpissen sich endlich. Große Hoffnung Marokkos: Neubeginn, eigene Staatsführung, ökonomische Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Landrückgabe.
Die Haltung der ehemaligen Kolonialherren ist klar – sollen die süßen Kinder der Kolonialzeit selbst mal ihr eigenes kleines Wunderland aufbauen, nachdem wir ihnen unseres aufgezwungen haben! Aber Moment, ihr wollt wirklich, dass wir gehen? Gut, unter folgenden Bedingungen: Rückzug der französischen und spanischen öffentlichen Verwaltung, vom Schulwesen bis zum Gesundheitssektor; aber auch Unternehmen, Kredite, Industrie und alle anderen Teile ihrer imperialistisch-kapitalistischen Maschinerie. Da saßen sie, die Kinder der Kolonialzeit: Perspektivlos, ein leerer Magen und Eltern, die ihre Unterstützung erwarten. Arbeitsexil Deutschland für meinen Vater.

Was wisst ihr schon von Wiederaufbau eines Landes nach der Zerstörung? Ich muss so lachen, wenn Deutsche mir stolz von ihren Trümmerfrauen erzählen, die ihrem eigenen Land das hässlichste Gesicht des Faschismus aufgemalt haben. Und ihr nennt das „Wiederaufbau“? Dass eure Postfaschismus-Weiber mal Steinchen zusammengeworfen haben, währenddessen das größte koloniale Projekt, namentlich U.S.A., euch bis zum Abwinken mit Reparaturkosten die Mäuler gestopft hat? Bravo, erst Brandstifterinnen, dann Heldinnen.

Wiederaufbau, Papa, ich küsse deine hart arbeitenden Hände. Ich denke jeden Tag daran, dir hoffentlich irgendwann die Sehnsucht nach Heimat im Rif stillen zu können.

Meine Mutter wurde in Nordfrankreich geboren. Ihr Vater Mohammed kam in den 60ern als marokkanischer Gastarbeiter und schuftete in den Minen. Man versprach ihm Reichtum und Sicherheit. 80.000 Marokkaner wurden nach der Unabhängigkeit Marokkos rekrutiert. Naja, wenn Marokkaner im formal “unabhängigen” Marokko nicht länger für die wirtschaftlichen Interessen Frankreichs ausgebeutet werden können, holen wir sie eben zu uns und beuten sie hier aus. Und ersteres blieb trotzdem bestehen: Französische Konzerne behielten ihre Verträge, Ressourcen flossen weiter nach Paris. Die kolonialen Ketten wurden unsichtbarer, nicht kürzer. Und Frankreich brauchte Hände vor Ort für seine Trente Glorieuses1. Da war er: Jiddi2 Mohammed. Er arbeitete härter als diese Froschfresser. Alle Marokkaner machten das, ihre Vision war größer als das der rassistischen und satten Franzosen. Dennoch einte die Franzosen und Marokkaner die gleiche Realität aus Jahren von Erschöpfung, Demütigung und Akkordarbeit. Im Mai 1968 gingen sie gemeinsam auf die Straße. 10 Millionen Menschen – der größte Generalstreik – legten ganz Frankreich lahm. 85% der Bergarbeiter im Pas-de-Calais schlossen sich an.

Die Industrie stand still. Müll blieb liegen. Züge fuhren nicht. Mit der CGT3 im Rücken: militant, kommunistisch geprägt, die mächtigste Gewerkschaft des Landes. Sie organisierte die Fabriken, die Minen, die Häfen. Aber die CGT war auch das: zögernd, widersprüchlich, manchmal blind für die Ausländer, deren Namen ihre Funktionäre nicht aussprechen konnten.
Die Proteste nahmen Bürgerkriegs-ähnliche Zustände an. Erst flüchtete de Gaulle4, dann kehrte er zurück, bot eine Lohnerhöhungen an, die Führung der CGT unterschrieb. Lohnerhöhung, aber kein Systemwechsel. Jiddi Mohammed nahm nicht an den Protesten teil, erzählt mir meine Mutter heute.

Meine Mutter war 27 als Jiddi Mohammed mit 63 an Lungenkrebs starb, danach seine Tochter mit 34, danach seine andere Tochter mit Ende 30. Über das Lungenkrebsrisiko bei Minenarbeitern und das Krebsvererbungsrisiko brauch ich dir heute nichts mehr erzählen. Inzwischen sind die Minen Le Bassin minier du Nord-Pas de Calais Weltkulturerbe. Ihr erbt Kultur, wir ein Krebsgeschwür. Ich kotze, wenn ich die französischen Worte lese. Meine Muttersprache, wortwörtlich, Teil meiner Identität, Sprache meiner Postmigration.

Meine Mutter hat den Tod all dieser Menschen nie wirklich verkraftet. Der Teil meiner Familie, der mich Liebe gelehrt hat durch Humor, Großzügigkeit und Bedingungslosigkeit. Meine Mutter hat nicht einfach Familie verloren, sondern einen Teil von sich selbst begraben müssen.

Mama, ich küsse deine Seele, die den ganzen Schmerz ertragen musste. Ich denke jeden Tag daran, dir hoffentlich irgendwann die Sehnsucht nach Akzeptanz deiner durch die Kolonialisten gespaltenen Identität stillen zu können.

Diese Spaltung steht heute noch in Marokko geschrieben. Wenn du durch das Land fährst, sind die Straßenschilder in der Regel dreisprachig: arabisch, tamazight und französisch. Kannst du dir in Deutschland nicht vorstellen: im Westen auf deutsch, englisch und französisch, im Osten deutsch und russisch. Wär mal ne’ interessante Form der Erinnerungskultur. Die Allierten haben euch besetzt, um euch vor euch selbst zu schützen, durchgeknallte Genozid-Liebhaber. Gestern wie heute.
Aber in Marokko ist es eindeutig. Das Verderben der Kolonialzeit soll noch Anerkennung finden. Die Nachahmung der ach’ so tollen westlichen, demokratischen, feministischen und freiheitlichen Zivilisation findet nicht nur auf den Straßenschildern einen Platz, sondern auch in einer kulturellen Hegemonie, die von ökonomischer Vormacht angetrieben wird. Das schlimmste Ergebnis dieser ökonomischen Dominanz ist letztlich die allgemeine Legitimierung moralischer Führung, die sich heute Marokkaner angeeignet haben.
Braune Haut, weiße Maske. Ausbeutung der Armen durch die Reichen. Klassenkampf spielt in Marokko dieselben Akkorde wie in Deutschland. Nur die Saiten wurden durch Kolonialismus, Monarchie und imperiale Abhängigkeiten gespannt.

Heute bereist du Marokko, lässt dich vom blau-weißen Chefchaouen verzaubern, gehst in Taghazout surfen, verlierst dich in den Märkten Marrakeschs und bewunderst die Wüste Zagoras oder Merzougas. Du erkennst die Kulissen von Game of Thrones oder Gladiator in Ouarzazate. Danach entscheidest du dich, eine Sandwüste samt verträumter Strände im – durch die Marokkaner illegal besetzten – Dakhla5 zu bewundern.
Touristen sehen das Paradies, ich sehe wieder Ausbeutung im neokolonialen Sinne. Durch Franzosen, durch reiche Marokkaner und durch die Politik. Wieso auch nicht. Der Gesundheitsminister Amine Tahraoui plante 2024 den Bau eines riesigen Surf-Hotels in Taghazout. Die alten, malerischen Fischerhäuser der kleinen Familien sollen abgerissen werden. Mehr Platz für die großen Investoren. Marokko nutzt bewusst Mechanismen der Privatisierung, um Gemeinschaften von ihrem Land zu verdrängen6.
2025 beginnen die Proteste der Gen-Z, um vor allem Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen einzufordern, aber das Königreich und die Politiker ballern lieber massive Ausgaben für den African Cup raus. Das ist kein Versagen. Das ist eine Entscheidung.
Milliarden für Stadien, die einer Klasse gehören werden, die nie darin arbeitet, gebaut von Händen, die sich keine Eintrittskarte leisten können. Der African Cup ist nicht für Afrika.
Und die Marokkaner in Afrika haben keine Arbeit, die sie langfristig sichert. Und auch kein Weg mehr zum Arbeitsexil. Denn der Frontex7 hat aufgerüstet, die Grenzen sind tödlicher geworden, die Boote gefährlicher, die Aufnahme feindseliger. Europas Zäune sind höher und Marokko ist zum Grenzwächter geworden, finanziell unterstützt durch uns hier im Garten, während im Dschungel8 die Polizei ihre eigenen Leute in die Wüste entführt, kriminalisiert und schließlich am Zaun erschießt.

Aber die Verbindung zwischen den Protesten von 2025 und dem Mann, der 1964 in eine französische Grube stieg, ist keine sentimentale. Es ist eine strukturelle. Jiddi Mohammed ging, weil Marokko ihm keine Zukunft geben konnte, weil das Geld, das Marokko hätte aufbauen können, weiter nach Paris floss, in die Taschen derselben, die die Kolonialzeit überlebt und bereichert hatten. Heute fließt es immer noch, nur heißt es jetzt Freihandelsabkommen, Investitionsschutz, Infrastruktur. Andere Worte. Dasselbe Geschäft.

Und das Geschäft hat einen Preis.
Eine Rechnung: Eine Vollzeit arbeitende Putzkraft verdient 250-300€ im Monat, das sind circa 1,70€ die Stunde, bei 44 Stunden die Woche. Das ist auch der monatliche Preis einer Wohnung in Marokko- günstig, übrigens. Plottwist: 70% der Riads9 in Marrakesch gehören Europäern. Dabei wird das Ding schick eingerichtet und dann für 50€ die Nacht an westliche Touristen vermietet. Mit einer privaten Putzkraft, die den reichen Europäern quasi ein Kindergeldgehalt kostet. Allen voran Franzosen. Kaum ein Marokkaner kann sich noch eine Wohnung in der Medina10 Marrakeschs leisten. Auch diese Akkorde des Klassenkampfes kannst du in allen hochbeliebten Städten des globalen Südens einmal durchspielen.
Natürlich ersticken hier Proteste vom Arabischen Frühling 2011, über den Rif-Aufstand bis zu den Gen-Z Protesten und dem fortlaufenden Widerstand der Westsahara im Keim. Das Interesse des Königs und der Kapitalisten, sich am blühenden Tourismus, dem global größten Thunfisch-Export, an großen Phosphatvorkommen und der Solarenergie zu bereichern, hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Wen interessieren schon die täglichen Arbeiter? Die Säulen der Gesellschaft? Das Volk?

Marokko hat seinen Frühling nicht erlebt. Das Regime war brutal genug, um ihn zu verhindern. Der Rif-Hirak11 zeigte, wozu die Straße fähig ist, und zeigte auch, wie der Staat antwortet: mit Pegasus12, mit Gefängnissen, mit Jahrzehnten für Menschen, die nichts anderes getan haben als zu sprechen. Die Abraham Accords 202013, unterschrieben unter Trump, waren die Quittung: Marokko normalisierte seine Beziehungen zu Israel, bekam dafür internationale Anerkennung seiner Kontrolle über die Westsahara. Ein Regime, das sein eigenes Volk überwacht und besetzte Völker mitverwaltet, hat seinen Platz in der Weltordnung gefunden.

Der Druck muss wieder kommen und er muss von unten kommen. Die nächste Welle muss tiefer gehen. Dort, wo Jiddi Mohammed stand und dort wo wir jeden Tag stehen, sitzen, tragen, schreiben, organisieren, arbeiten. Dort, wo die Macht wirklich sitzt.

Ich schreib’ diese ganze Scheiße hier runter und gleichzeitig denke ich an die Worte meiner nahestehenden Menschen aus Marokko: Pegasus kann und wird auch diesen Text lesen. Was versteh’ ich schon von der Konsequenz, wenn Stimmen zur Gefahr der Kapitalmacht werden. In Solidarität mit Ibtissame Lachgar14, Said ait Mahdi15, Saida El-Alami16, an die Rif-Hirak Gefangenen und so viel mehr Stimmen der Gerechtigkeit, die sich der staatlichen Repression unterwerfen mussten.

Im September 2026 wird in Marokko gewählt, und wie hier in Europa, tauschen die Politiker nur ihre Gesichter, während die strukturelle Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung bestehen bleibt.
“Krieg den Palästen!”17 ist in Marokko keine Metapher, der König, Mohammed VI., besitzt zwölf und ein Bild seines Gesichts hängt in jedem Laden, während er sein Land aus Paris regiert.


1Französisch für “Die dreißig Glorreichen”: Frankreichs Wirtschaftsaufschwung von 1945-1975
2Arabisch für “Mein Großvater”
3Abkürzung für Confédération Générale du Travail
4Charles de Gaulle: Französischer Staatspräsident 1959 bis 1969
5Stadt in der Westsahara
6Caliban and the Witch, Federici 2004
7Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache aka. eine Behörde, die das Sterben an den EU-Außengrenzen -auf dem Land sowie im Mittelmeer- verwaltet.
8„Europe is a garden. We have built a garden. Everything works. […] The rest of the world […] is not exactly a garden. Most of the rest of the world is a jungle, and the jungle could invade the garden.“ Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik Joseph Borrell, 2022
9Traditionelles marokkanisches Stadthaus mit Innenhof
10Arabische Bezeichnung für “ummauerte Altstadt”
11Eine Protestbewegung 2016, die in Al Hoceïma begann, nachdem Mouhcine Fikri beim Versuch, beschlagnahmten Fisch aus einer Müllpresse zu retten, starb. Zu dieser Bewegung zählen Monate des Widerstands, über 400 Verhaftungen und der Anführer Nasser Zefzafi wurde zu 20 Jahren verurteilt.
12Von Marokko gekaufte israelische Spionage-Software
13Abkommen zwischen Israel und arabischen Staaten zur Normalisierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit
14Feministin und Aktivistin, 2025 zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt – für ein Foto mit den Worten “Allah ist lesbisch”.
15Aktivist und Sprecher der Erdbebenopfer von El Haouz 2023, ein Jahr und drei Monate wegen „Verleumdung“ verurteilt
16Menschenrechtsaktivistin, 2022 zu drei Jahren Haft verurteilt, teilweise wurde ihr ein Anwalt verweigert- für Online-Aktivismus und Kritik an marokkanischen Institutionen
17Der hessische Landbote, Büchner 1834

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