von: Asbjorn Byskov
August 4, 2026
Klassenkampf International III: Dänemark

Klassenkampf International III: Dänemark
Aus dem Englischen übersetzt von Rick Lupert.
(Das englische Original finden Sie unter https://rotscheibe.de/literaturmetropole/class-struggle-international-iii-denmark/).
Mit der Reihe „Klassenkampf International“ wollen wir Erfahrungen, Analysen und Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung zugänglich machen. In der dritten Ausgabe wenden wir uns Dänemark zu: Oftmals dargestellt als Musterbeispiel des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates, gibt Asbjørn Byskov, Mitglied der Revolutionären Kommunistischen Partei Dänemarks, eine Einführung in die tatsächlichen Umstände dieses “Musterbeispiel”-Landes. In dem Maß, wie der globale Kapitalismus in der Krise steckt, ist es der dänische auch: Dänemark ist stark von seinen Exporten abhängig und wird innerhalb der protektionistischen Weltordnung in Mitleidenschaft gezogen. Nationalstaaten aller Kontinente versuchen, ihre internen Krisen zu den Krisen der Nachbarn zu machen, Exporte sind erschwert, die dänische Ökonomie schrumpft. Die Antwort der dänischen herrschenden Klasse besteht aus einer Mixtur verzweifelter Maßnahmen, die sich in Attacken auf die Arbeiterklasse übersetzen – Entlassungen, Sozialkürzungen, sowie eine Militarisierung nach innen und außen, ablesbar am Wirtschaftsziel, %5 des BIP in Aufrüstung zu investieren. Die alten, korrupten Mächte in Dänemark stolpern unterdessen von Skandal zu Skandal, während die politische Linke sich als non-Faktor erweist, die nationale Arbeiterklasse zu organisieren. Stattdessen sitzt sie in einer Regierungsverantwortung, die sie zum leichten Ziel des Anti-Establishments macht. Diese Wut weiß die reaktionäre Danisk Folkeparti (DF) auszunutzen, indem sie mit ihrer demagogischen Hetze eine weitere Spaltung und Polarisierung der Arbeiterklasse besorgt. Allerdings gibt es eine wachsende Zahl revolutionärer Kommunisten, die sich in Dänemark als Revolutionært Kommunistisk Parti (RKP) organisiert, und eine immer größere werdende Schar an Genossinnen und Genossen für ihre Sache gewinnen kann: Klassenkampf zurück auf dänische Straßen zu führen! Die RKP, ob in Dänemark oder in Deutschland, sind als Schwestersektionen innerhalb der RKI, der Revolutionär Kommunistischen Internationalen aktiv. [Redaktioneller Hinweis: Die Sache der revolutionären Internationalen hat alle Sympathien der Redaktion. Jedoch ist es nicht so, dass alle Redakteure in RKP-Tagespolitik verstrickt sind, noch stellt der Verlag Rotscheibe eine Speerspitze dar, die ihre Theorie und Praxis ausschließlich der RKI entnimmt.]
Die organische Krise des dänischen Kapitalismus
Dänemark wird oft als ein Land dargestellt, das den Schlüssel zum Erfolg gefunden hat. Ein Land, in dem Arbeiter und Kapitalisten harmonisch zusammenleben. Dieses Märchen des Establishments ist jedoch weit von der Realität entfernt, und während der Kapitalismus weiter an Boden verliert, wird das unversöhnliche Verhältnis zwischen Arbeitern und Kapitalisten so glasklar. Kürzlich erst, am 13. Mai, wurden friedliche Demonstranten, die den Eingang von Maersk (der größten dänischen Reederei, die Israel mit Waffen beliefert) blockierten, von der Polizei brutal zusammengeschlagen, um die Profite der Kapitalisten zu verteidigen. Dänemark ist keine Ausnahme unter den kapitalistischen Ländern und kann dementsprechend den Problemen, die der Kapitalismus als globales System mit sich bringt, nicht ausweichen. Während die Reichsten Steuererleichterungen erhalten, erlebte die Mehrheit in den letzten Jahren Angriffe auf ihren Lebensstandard. Miete und Wohnpreise schossen in die Höhe, Arbeiterklassefamilien können sich das Leben in großen Städten nicht mehr leisten, die Geburtenrate sinkt, das Schul- sowie das Gesundheitssystem fallen in sich zusammen.
Eine Umfrage ergab, dass die Lebenshaltungskosten die größte Sorge der Dänen im Alter von 15 bis 45 Jahren sind. Fast 50 % von ihnen leben von Lohnzettel zu Lohnzettel. Etwa 40 % befürchten, dass sie ihren Ruhestand nicht in finanzieller Sicherheit genießen können. Das reichste 1 % in Dänemark besitzt 29,8 % des Gesamtvermögens des Landes, während die ärmsten 50 % nur 4,1 % besitzen. Im Mai erschien der Jahresbericht der Hilfsorganisation „Kirkens Korshær“, in dem zu lesen ist, dass etwa 160.000 Dänen täglich eine Hauptmahlzeit aus Geldmangel auslassen. 220.000 Dänen geben an, dass ihre wirtschaftliche Situation es ihnen nicht erlaubt, ihre Grundbedürfnisse zu decken. Diese Zahlen sprechen für sich: Dänemark ist keine Ausnahme – es steht vor denselben Problemen im Rahmen der systemischen Krise des Kapitalismus.
Die materiellen Umstände in Dänemark: Novo Nordisk lindert die Blutung?
Die Wirtschaft bildet die Grundlage für politische Entwicklung und politisches Bewusstsein. Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich die dänische Wirtschaft in einer Wachstumsphase, die es der Arbeiterklasse ermöglichte, ein gewisses Maß an Sozialleistungen und Lebensstandard zu erkämpfen und durchzusetzen. Seit den 70er Jahren stehen diese Errungenschaften jedoch unter Beschuss und werden untergraben; insbesondere nach der Krise von 2008 hat sich dieser Prozess beschleunigt. Das führte dazu, dass das Vertrauen in die bürgerliche Demokratie schwand: Nur 14 % der dänischen Bevölkerung vertrauen darauf, dass das politische System langfristige Herausforderungen bewältigen kann, während 41 % wenig oder sehr wenig Vertrauen in das System haben. Laut dem dänischen Thinktank „Mandag morgen“ haben nur 11 % der Dänen Vertrauen in Politiker.
Zudem glauben nur 24 % der Dänen, dass ihre Nachkommen ein besseres Leben, und ein Drittel von ihnen glaubt, dass ihre Nachkommen ein schlechteres oder viel schlechteres Leben führen werden. Dänemark ist in hohem Maße vom Export abhängig, der 69 % des dänischen BIP ausmacht. Vor 2020 war Deutschland das wichtigste Exportziel Dänemarks, mittlerweile haben die USA diesen Platz übernommen. Allerdings steht die US-Wirtschaft am Rande einer Krise, und auch die europäische Wirtschaft steht unter Druck. Die deutsche Wirtschaft verzeichnete in den Jahren 2023, 2024 und 2025 negative Wachstumsraten, die Industrieproduktion ist seit 2017 um 17 % zurückgegangen und die Zahl der Insolvenzen liegt auf dem Niveau der Finanzkrise von 2009. Dies hat und wird auch weiterhin Konsequenzen für die dänische Wirtschaft haben, da der Export in eine Sackgasse gerät.
Wie der Rest der Welt ist auch Dänemark mit der Überproduktionskrise des Kapitalismus konfrontiert, die dazu führt, dass die dänischen Kapitalisten Unmengen an Geld verspekulieren, anstatt in die Entwicklung der Produktion zu investieren. Ohne die Pharmaindustrie, wäre die Produktion in der Industrie von 2022 bis 2023 um 16 % zurückgegangen. Im Jahr 2024 entfielen 60 % des Wachstums der dänischen Wirtschaft auf Novo Nordisk.
Dieser Medizin-Boom hat jedoch seinen Höhepunkt überschritten und befindet sich nun im Abwärtstrend. Im vergangenen Jahr verzeichneten die Novo-Nordisk-Aktien einen Kursrückgang von 70 %, was einem Wertverlust von 3.000 Milliarden DKK (401,2 Milliarden EUR) entspricht – mehr als das gesamte dänische BIP im Jahr 2024, das bei 2.900 Milliarden DKK (388,5 Milliarden EUR) lag. Dies führte allein in Dänemark zu 5.000 Entlassungen. Novo Nordisk ist nicht das einzige Unternehmen in Dänemark, das Entlassungen vornimmt, was die Arbeitslosigkeit in Dänemark zu einem wachsenden Problem macht. Die Exporte geraten in eine Sackgasse, verbunden mit einem Rückgang der Produktion, einer Zunahme der Entlassungen und der Tatsache, dass Dänemark zu den OECD-Ländern mit der höchsten Verschuldung der privaten Haushalte gehört. All dies schafft die Grundlage für eine Wirtschaftskrise. Die herrschende Klasse in Dänemark versucht, diese Wirtschaftskrise durch eine Steigerung der Rüstungsproduktion und die Wiedereröffnung von Gasfeldern hinauszuzögern; dies ist jedoch keine nachhaltige Lösung, die die Krise lediglich vorübergehend aufschiebt und das Leben für die Mehrheit nicht verbessert.
Dänischer Reformismus in Zeiten der Gegenreform: Enhedlisten
Wie bereits erwähnt, hat sich der Lebensstandard verschlechtert, und die Politik untergräbt die sozialen Errungenschaften, die die Arbeiterklasse in der Vergangenheit erkämpft hat. Die Menschen gewöhnen sich daran, dass das Wort „Reform“ mittlerweile eine Einschränkung und keinen Gewinn an Sozialleistungen bedeutet. Bei vielen Menschen, insbesondere bei der Jugend, ist das Vertrauen in die Politik verloren gegangen, da diese sich mitschuldig am Völkermord in Palästina macht und untätig bleibt.
Zu den Skandalen gehört unter anderem ein ehemaliger sozialdemokratischer Minister, der wegen des Besitzes von Darstellungen von Kindesmissbrauch verurteilt wurde. Seine Kollegen im dänischen Parlament gewährten ihm jedoch eine spezielle Berufsunfähigkeitsrente, während dänische Arbeiter für eine solche lange kämpfen müssen. Diese Skandale haben bei einer wachsenden Zahl von Menschen das Gefühl hinterlassen, dass die Politik sie nicht vertritt und dass das gesamte Parlament korrupt ist. Eine stark wachsende Zahl verachtet das Establishment, doch die einzige Parlamentspartei, der es gelingt, diese Stimmung für sich zu nutzen, ist die Dansk Folkeparti (Dänische Volkspartei, DF) – eine rechtspopulistische Partei, die das Thema „Remigration“ in die politische Debatte gebracht hat (ein Begriff, den sie von der zutiefst reaktionären Bewegung „Generation Identitaire“ übernommen hat). Bei den jüngsten Wahlen in Dänemark gingen 9,1 % der Stimmen an die „DF“, was einen deutlichen Anstieg gegenüber 2022 darstellt, als sie 2,6 % erreichten. Ihr Erfolg ist jedoch nicht auf eine strenge und rassistische Einwanderungspolitik zurückzuführen; in diesem Fall hätte die Sozialdemokratische Partei diese Stimmen ebenso gut erhalten können, da sie aus populistischen Gründen dieselbe einwanderungsfeindliche Haltung eingenommen hat. Der Erfolg des „DF“ beruht darauf, dass die Partei die Stimmung gegen das Establishment für sich nutzt, indem sie auf Probleme wie den Anstieg der Lebenshaltungskosten in Dänemark hinweist. Sein Erfolg beruht darauf, dass er das schwarze Schaf der dänischen Politik ist und vom Establishment abgelehnt wird – genau deshalb fühlen sich immer mehr Menschen, die gegen das Establishment eingestellt sind, zu ihm hingezogen.
Der Erfolg der „DF“ bei den Wahlen hätte verhindert werden können, wenn die Linke, insbesondere die Enhedslisten (Einheitsliste), das Vakuum der Anti-Establishment-Stimmung gefüllt hätte. Doch anstatt sich als systemkritisch zu präsentieren, hat die Enhedslisten ständig versucht, stärker vom Establishment akzeptiert zu werden, indem sie die Militarisierung und die NATO unterstützt und eine vage Haltung zu Palästina einnimmt. Anstatt das Vakuum zu füllen, vergrößert die Enhedslisten es sogar noch, indem sie versucht, genau das zu sein, was eine wachsende Zahl von Dänen verachtet: das Establishment.
Vor kurzem, 70 Tage nach der Wahl, ist es gelungen, eine neue Regierung aus vier verschiedenen Parteien zu bilden, was auf die Schwäche, die mangelnde Glaubwürdigkeit aller zwölf im Parlament vertretenen Parteien sowie auf die Krise der bürgerlichen Politik zurückzuführen ist.
Der Koalitionsvertrag der Regierung besteht lediglich aus Absichtserklärungen ohne Finanzierungsplan, was für eine Koalition spricht, die sich nicht auf diese politischen Maßnahmen einigen konnte.
Die bereits erwähnte Enhedslisten ist Teil dieser Koalition und stellt diese in rosigen Farben dar. Sie rühmt sich damit, dass sich im Koalitionsvertrag angeblich „der größte Ausbau unseres Sozialstaats seit vielen, vielen Jahren“ finden lasse und dass der Zahnarztbesuch in zehn Jahren für alle kostenlos sein werde; dies sind jedoch lediglich Absichtserklärungen und ein realitätsfernes Ziel, da hierfür eine Reihe von Bedingungen erfüllt sein müssten. So heißt es beispielsweise: „Die Umsetzung der zahnärztlichen Versorgung muss unter Berücksichtigung der Kapazitäten im zahnärztlichen Bereich und der wirtschaftlichen Folgen für den Staat erfolgen“; daher ist es keine Überraschung, dass die Finanzierung für die Umsetzung nicht erwähnt wird. Am Ende der Absichtserklärung der Koalition heißt es vage, dass „die Regierung gleichzeitig in der Lage sein wird, Mittel für die beschriebenen Initiativen bereitzustellen“.
Insgesamt wird die Politik der neuen Koalition eine Fortsetzung der bisherigen sein, inklusive der rassistischen Einwanderungspolitik, entschiedener Unterstützung für Israel, den Krieg in der Ukraine und die Militarisierung, für die die Regierung 5 % des dänischen BIP ausgeben will, wobei die Finanzierung durch den Ersatz von 30.000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst durch KI erfolgen soll.
Wie bereits erwähnt, hätte die Enhedslisten die Anti-Establishment-Stimmung für sich nutzen sollen. Da sie nun jedoch in einer Koalitionsregierung mit drei anderen Parteien, darunter die Sozialdemokraten, sitzt, wurde die Enhedslisten offiziell als Teil des Establishments akzeptiert. Anstatt kritisch zu bleiben, hat die Enhedslisten die Regierungskoalition bejubelt, die nur dank ihrer Stimmen im Parlament bestehen kann. Dies weckt wiederum hohe Erwartungen bei den Menschen, die sie nicht erfüllen können wird.
Dies gibt der Opposition, die nun, da die vermeintlich linken Parteien eine Koalition gebildet haben, ausschließlich aus der extremen Rechten besteht, die Gelegenheit, die Regierung ständig anzugreifen und jene Menschen für sich zu gewinnen, die von der Unfähigkeit der Regierung enttäuscht sind, die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse zu verbessern und die Krise des Kapitalismus zu überwinden.
Diese jüngste Wahl hat zudem zu einer solchen Zersplitterung der politischen Landschaft geführt, dass alle 14 im Parlament vertretenen Parteien nun fast gleich groß sind; die traditionellen Machtparteien wurden alle zerschlagen und ihre Stimmanteile sind auf andere kleinere Parteien übergegangen. Dies erschwert die Regierungsarbeit der Parteien und spiegelt den allgemeinen Grad der Zersplitterung und Polarisierung in der Gesellschaft wider.
Revolutionært Kommunistisk Parti (RKP)
Revolutionen har brug for dig! – Die Revolution braucht dich!
Die RKP in Dänemark ist noch zu klein, um dieses riesige Vakuum linker Opposition zu füllen, doch wir werden weder wie die Enhedslisten ein rosiges Bild zeichnen noch tatenlos zusehen, während die Arbeiterklasse angegriffen wird. Unsere Mitgliederzahlen wachsen und unsere Präsenz ist sichtbarer denn je, sowohl in den sozialen Medien wie Instagram und TikTok, als auch auf den Straßen der größten Städte mit Plakaten, Aufklebern, Zeitungsverkauf und Aktionen bei Demonstrationen. Wir sind in den großen Städten Dänemarks stark vertreten und dominieren die Straßen mit unserem Material, wobei das Ziel ist, dass jeder aus der politischen Avantgarde weiß, dass es die RKP gibt.
Mit einer soliden theoretischen Grundlage können die Kader der RKP diese Schicht von ihren Ideen überzeugen und ihnen die Antworten geben, die sie suchen. Dadurch ist die Mitgliederzahl der RKP bis Ende 2025 auf 339 gestiegen. In diesen Tagen stehen wir kurz davor, die 400er-Marke zu überschreiten. Unsere Veranstaltungen in Dänemark, wie der 1. Mai, der Frauenkampftag und das Revolutionsfestival, verzeichnen immer mehr Teilnehmende. Am 1. Mai und am Frauenkampftag konnten wir Veranstaltungen in mehreren großen dänischen Städten durchführen. Wir haben bis zu einem gewissen Grad die Aufmerksamkeit der bürgerlichen Medien und Politiker auf uns gezogen, die versucht haben, uns zur Stärkung ihrer eigenen Agenda zu instrumentalisieren. Dies ist ihnen jedoch nicht gelungen und hat es uns ermöglicht, unsere Ideen einem breiteren Publikum zugänglich und deutlich zu machen, dass die RKP etwas anderes ist als das Establishment und dass sie die Barbarei, mit der wir konfrontiert sind, beenden will.
Vorwärts zu den 500 Genossen! Es lebe der Internationalismus, es lebe die Revolutionäre Kommunistische Internationale!
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