von: Marco Bötsch

September 1, 2026

Kritik zu: „Widerstand ist Liebe“

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Kritik zu: J. Rothe/J. Nassar (Hrsg.)(2026): „Widerstand ist Liebe – Geschichten aus der Palästina-Bewegung in Deutschland“, Letatlin Verlag: Offenbach/Berlin. 176 Seiten, 17 Euro, ISBN: 978-3-9826803-4-7. Erhältlich unter: https://letatl.in/products/widerstand-ist-liebe-geschichten-aus-der-palastina-bewegung-in-deutschland


Editorial: Marco Bötsch nimmt sich in dieser Ausgabe der ‘Literaturmetropole’ eines literarischen Zeugnisses und Abbilds der Palästina-Bewegung in Deutschland an. Die Kritik zu “Widerstand ist Liebe” ist zuallererst nicht als Demontage zu verstehen – die Revolution für und in Palästina hat jegliche Unterstützung verdient. Wo im ersten Teil der Kritik ein Überblick über die Inhalte des Sammelbandes gegeben wird, befasst sich der Verfasser im zweiten Teil mit gerade dieser Problematik: Woran krankt die Bewegung, wer kann sie unterstützen? Und stellt fest, dass die stärkste Verbündete der Palästina-Bewegung – die Arbeiterklasse – einerseits von seinen eigenen, reformistischen Führungen ausgebremst und auf die Linie der deutschen Staatsräson gebracht wird. Andererseits, und dafür steht “Widerstand ist Liebe” leider symptomatisch, eine klare Klassenanalyse der deutschen Gesellschaft ausbleibt, die Arbeiterklasse eben nicht direkt adressiert ist und auch die größte Aktion für Palästina in den letzten zwei Jahren, der Generalstreik in Italien vom Herbst 2025, als Eruption europäischen Klassenbewusstseins unerwähnt bleibt.

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I. „Make Gaza the Center of Focus“

„Widerstand ist Liebe“ sammelt Geschichten und Erfahrungen aus der Palästina-Bewegung in der deutschen Bundesrepublik. Sie sind zusammengesetzt aus wahren Begebenheiten und solchen, die mit den Mitteln der Kunst, der erzählenden oder besingenden Fiktion, die Realität gestalten oder gestaltend verhandeln. Dem Leser begegnet Biografisches, Journalistisches, Erzählendes, Projekt-Vorstellendes, Lyrisches uvm. Deutlich wird, dass die Perspektiven sich gegenseitig überblenden und ein überpersonales Wir schaffen, das im Widerstand, gegen den Status-Quo und seine deutsche Staatsräson agiert. Häufig beschrieben ist die gesellschaftliche Position des aktivistischen Subjekts innerhalb der Bewegung für Palästina, deren innere Anlagen sich in einem Kraftfeld des Muts, der Solidarität, der Menschenliebe und -verbindung, des Hasses, der Verzweiflung, der Wut, der Trauer, des Ausbrennens wiederfinden. Räumlich, zeitlich, in Bewegung angeordnet in der „einstudierten Dissoziation“ (E. Masat), im Alltag der Genozid bezeugenden BRD. Das Wir gibt Essen an Kampierende der „Besetzung gegen Besatzung“ (J. Nassar) aus, geht unwillig und beinahe zynisch zur Lohnarbeit, erhält Kulturwissen der palästinensischen Gesellschaft oder versucht, eine junge Generation im Geiste des Widerstands zu erziehen, arrangiert um den Kampf in der Öffentlichkeit und die Willensbekundung durch Demonstrationen gegen die Vernichtung Gazas.

Bei diesen Versammlungen prügelt die Polizei vermittelst unterschiedlicher „Händedrücke“ (S. Ó Maoilearna) auf Widerständige ein, doch stehen dem Staat noch weitere Werkzeuge, eigentlich: Waffen, zur Verfügung, denn nicht alle Verletzungen oder Schäden entstehen durch den gestärkten Fausthandschuh eines deutschen Polizisten, der die brutale Ordnung durchsetzt. „Wenn die Stunde schlägt“ (M. Bayraktar) erzählt uns von einer „Allgemeinverfügung“ gegen angemeldete, pro-palästinensische Demonstrationen, dem die Aktivistinnen und Aktivisten eine Art Bürokratie-doxing entgegensetzen, um den Machtapparat durch schiere Überlastung zu überlisten und das Recht auf Versammlungsfreiheit durchzusetzen innerhalb der repressiven Spielregeln der bürgerlichen Demokratie.

Mit „Widerstand ist Liebe“ gelingt den Autorinnen und Autoren, den Herausgeberinnen Rothe & Nassar sowie dem Letatlin Verlag ein Befreiungsschlag wider die herrschenden Verhältnisse, der Sammelband spendet Mut und Kampfgeist, doch vor allem: stellt er immer wieder die Verbindungen zu den Menschen und Geschehnissen in Gaza her. „Make Gaza the Center of Focus“, wie Majed Abusalama es (für) jeden Tag sinngemäß fordert. Aus den kulturellen Schätzen der Frankfurter Palästina-Bibliothek wird so die Geschichte des jungen Medo (G. Cimen), der noch in der Zerstörung den Geist und die menschliche Größe findet, in Gaza Pflanzen zu kultivieren, während alles um ihn herum stirbt. So wird aus dem Überlebenskampf und den Traumata in Deutschland eine Rückbesinnung auf verlorene Liebe in Gaza, eine Liebe, die nie verloren geht – solange sie im Hier und Jetzt, in der deutschen Diaspora, im Exil, im Widerstand immer wieder freigesetzt wird.

II. Die Schwäche der Palästina-Bewegung als Schwäche der Arbeiterorganisationen

Majed Abusalama spricht in seinem Text „Persönliches Exil, kollektive Hoffnung“ von politischen Aktionen, die „schwächer sind, als sie sein sollten“. Millionen von Liberalen und neutralen Menschen hätten die Menschlichkeit der Palästinenserinnen und Palästinenser verraten, indem sie nicht an der Seite Gazas stehen. Zunächst wäre eigentlich zu fragen, ob Liberale nicht ohnehin stets zu den Feinden zählten und ob es ‚neutrale‘ Menschen de-facto geben kann, aber der Blick in die BRD bestätigt ohnehin: Die Palästina-Bewegung ist in der Unterzahl, sie ist umzingelt. Ich möchte diese Perspektive einmal als Anlass nehmen, um Kritik zu üben an der politischen Lage, die auch durch den Sammelband atmet: Die Palästina-Bewegung hierzulande ist in einer akuten Isolation befindlich, jeder der Texte gibt davon reichlich Auskunft.

Denn: Ähnlich den Bewegungen um Klimagerechtigkeit oder den aktuellen Bemühungen gegen eine Wehrpflicht unter den Schülerinnen und Schülern dieses Landes, wird schnell ersichtlich, dass der Kampf um Emanzipation abebbt, wenn er nicht mit der revolutionären Klasse vereint ausgetragen wird. Die Arbeiterklasse entscheidet, ob Waffen umgeschlagen, Sprengköpfe produziert, Autos hergestellt werden oder Züge fahren. Ohne diesen massiven Hebel der koordinierten Arbeitsniederlegung im Rahmen von Streiks, ohne das beherzte Eingreifen in die Räder des Produktionsprozesses, wird man jederzeit große Schwierigkeiten haben, Forderungen entscheidender Drastik den Händen der mordenden Kapitalpolitik abzuringen.

Einen Fehler beginge man jedoch, die Schwäche bei der Palästina-Bewegung zu platzieren, sind doch gerade die Staatstreue der Gewerkschaftsführungen und der zaghafte – dabei vollkommen unglaubwürdige – Zickzack des Parteiapparats der LINKE (PdL) ein Verrat an Palästina. Deren ökonomisch-politische Bindung an den deutschen Imperialismus kann nur schwerlich überdecken, dass ein direkter Zusammenhang zwischen hiesiger Militärökonomie und dem Morden in Rafah, in Chan Yunis, dem Westjordanland, im Libanon besteht. In diese Logik fügt sich auch der Krieg gegen Russland, der in seiner jetzigen Form mit der Propaganda als Schwert und der Ukraine als Schild geführt wird. Für den Kampf gegen den russischen Imperialismus braucht es in absehbarer Zeit Humankapital, das vorzugsweise aus den ärmeren Arbeitersöhnen Deutschlands bestehen wird, sodass der Krieg in Gaza, der Krieg in der Ukraine auch ein Krieg gegen den deutschen Arbeiter ist.

Ein großes Versäumnis des Sammelbandes ist es daher, in seinen Inhalten die aktivistische Praxis und die daraus resultierenden Ohnmächtigkeiten überzubetonen, zulasten einer konsequenten Klassenperspektive auf notwendige gesellschaftliche Kämpfe. Eine Aktualisierung der Palästina-Bewegung in literarischen Zeugnissen hätte auch ein Zeugnis der Reflexion sein können: Warum stagniert die Bewegung? Wohin haben uns unsere Ideen gebracht, zu welcher Praxis leiten sie uns? Warum fühlen wir uns jeden Tag, als wäre der Rest der Welt gegen uns, als sei die restliche Gesellschaft nur eine reaktionäre Masse uns gegenüber? Das kollektive Lied der Anklage und Klage, die Kriegserklärung an die Herrscher dieser Welt, hätte um Berichte ergänzt werden können, wo der Durchbruch in die Arbeiterklasse bereits gelungen ist, wie zum Beispiel in unserer Stadt Leipzig. Dort kam es zu wirksamen Verflechtungen von DHL-Arbeitern und Aktivisten, da am Flughafen Leipzig/Halle durch DHL Kriegsgüter umgeschlagen und nach Palästina verfrachtet werden, um die Israeli Defense Forces zu versorgen.

So geschieht es, dass die Arbeiterklasse zwar durch die Zeilen geistert – denn niemand würde bestreiten, dass die Palästina-Bewegung im Grunde genommen einen zutiefst proletarischen Charakter hat – doch zu keinem Zeitpunkt eine explizite Erwähnung findet. Höchstens in den Ausführungen um „das Kapital“, gegen das man revoltieren solle (M. Boujil), kann man sich die Arbeiterklasse als Schlagschatten vorstellen. Weder erkennt man den eigenen, stärksten Verbündeten vor dem klaren Auge und spricht ihn direkt an, noch nimmt man den Feind in seiner ganzen begrifflichen Schärfe ins Visier.

Zuletzt bleibt in „Widerstand ist Liebe“ also unklar, wer sich anhand welcher Klassenlinien zum Sturz wessen zusammenschließen muss, um ein freies Palästina zu realisieren. Dass dieser Klassenkampf international und internationalistisch geführt werden muss, daran führt kein organisatorischer Weg vorbei, doch schweigt sich der Sammelband darüber aus, dass Hafenarbeiter in Frankreich und Griechenland sich bereits mehrfach weigerten, Waffen in ihren Häfen auszuschiffen; oder dass es in Italien im Herbst 2025 einen Generalstreik für Palästina gab, der Millionen italienischer Arbeiter in den Kampf riss, sodass die Regierung Meloni angesichts der wütenden Massen einsehen musste, wer im Kapitalismus eigentlich das Sagen hat, wenn aus Zersplitterung eine Einheitsfront wird.

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