von: M6services
Mai 13, 2026
Sozialistischer Verlag 2: Reformismus vs. Revolution, oder: Der Kampf der Ideen in der Kunst – Teil 1: Die Grundlagen des Reformismus

Sozialistischer Verlag 2:
Reformismus vs. Revolution, oder: Der Kampf der Ideen in der Kunst – Teil 1: Die Grundlagen des Reformismus
1. Einleitendes
In Teil 1 der Reihe „Sozialistischer Verlag“ ging es darum, das Fundament eines sozialistisch denkenden und handelnden Verlages zu legen. Wir haben erklärt, dass es darum zu tun ist, die Lage der Arbeiterklasse innerhalb des Klassenkampfes zu untersuchen, sowie das damit zusammenhängende Klassenbewusstsein. Anschließend kommt es innerhalb von Literatur und Kunst immer wieder darauf an, sich zu desillusionieren: Eine Revolution wird weder herbeigetanzt, -geschrieben noch -geredet. Literatur und Kunst verpflichten sich daher dem Klassenstandpunkt und gehen ein unverbrüchliches Bündnis mit den Arbeitern und Unterdrückten aller Länder ein. Wie man schnell sehen wird, stecken dahinter jedoch nicht die mechanischen Vorgänge oder Aktionen (z.B. „Wir brauchen ein Arbeitertheaterstück!“ –„In Ordnung!: Teilen wir in Gut und Böse ein; und wenn wir es schaffen, wollen wir den Pöbel sich selbst spielen lassen!“), die das Bürgertum oder andere, den Marxismus missverstehende Menschen, uns gerne unterstellen möchten. Überhaupt zeichnet sich die zeitgenössische, bürgerliche Kunst selbst auch dadurch aus, dass sie innerhalb ihres Wirkbereiches eine Lagerbildung erfährt in jene, die sich der pseudo-revolutionären Gebärden bedienen und solchen, die diese zurecht als Puppentheater der Kindermoral ablehnen.
Es sollte sich von selbst verstehen, dass Marxisten kein unideologisches, das heißt die Klassengesellschaft leugnendes Kunstmachen befürworten können – doch ebenso wenig können wir dem Stumpfsinn einer sich als politischen Selbstzweck verstehenden Tendenzkunst unbedingten Beifall klatschen. Das Fenster unserer Zeit trägt uns als Literaturschaffenden vielmehr den Aufbau und das Niederreißen zugleich auf, Bewegungen zu initiieren, die sich – dem Frühstadium unserer sich verschärfenden Klassenkämpfe entsprechend – in den tosenden Wellen aus Literatur, Propaganda und Kritik zugleich abspielen, zwischen dem Aufspüren der Tradition und dem Entwickeln eigener Formen aus der Kritik der bürgerlichen Gesellschaft heraus. Manches davon wird verfrüht sein, aber auch das ist ein Symptom unserer Zeit.
Daher sind wir uns der zigfachen und hochkomplexen Verstrickungen der Gesellschaft durchaus bewusst, und die Methode des dialektischen Materialismus muss daher mit höchster Sorgfalt angewandt werden. Anders ausgedrückt: gerade, weil wir parteiisch sind (wir haben unsere Partei mit den Arbeitern und Unterdrückten ja bereits erklärt) – im Befürworten des Umsturzes des kapitalistischen Systems – müssen wir auf der Hut sein, die richtigen Ideen, Perspektiven und Inhalte zu transportieren. Die Richtigkeit dieser Ideen wird sich stets in der Praxis beweisen (müssen). Das heißt, vorneweg, eben nicht, dass man unbedingt Marxist sein muss, um diesen Weg zu beschreiten – doch abseits der Arbeiterklasse und ihres Standpunktes, in der Isolation oder Sektiererei kann nichts gedeihen. So oder so: Eine marxistische Kunsttheorie wird entscheidende Impulse liefern für die neue Kunst.
Der sozialistische Verlag hat aber noch eine andere, wichtige Funktion: Für ein revolutionäres Programm einzutreten, heißt auch, ein Teilchenbeschleuniger für das Klassenbewusstsein sein zu wollen. Klassenbewusstsein heißt zuerst, dass man sich seiner Klasse bewusst wird, nicht mehr und nicht weniger. Das ist nichts, was man einem Proletarier einfach per Injektion verpassen könnte; oder ihm idealistisch etwas liefern, das sein Leben von heute auf morgen auf den Kopf stellt wie wenn Jesus einem die Augen auftut, denn das würde den Menschen mehr zu einem Ideen-Container machen als alles andere. Im Feld der Ideen und der Kunst allerdings meinen wir mit „Teilchenbeschleuniger für das Klassenbewusstsein“ das Folgende: Durch begriffliche, literarische Arbeit und künstlerisch-praktische Gestaltung entweder eine Zuspitzung der fortschrittlichen Ideen zu erreichen oder in die Tradition der Arbeiterkultur einzuhaken; eine Brücke zu schlagen zwischen dem Gedächtnis der Arbeiterklasse und ihren heutigen Aufgaben. Verlag Rotscheibe möchte die fortschrittlichsten Schichten unter seinem Dach vereinigen, ohne dabei die Anschlussfähigkeit zu verlieren. Ein gewagter Spagat, der ein möglichst positives Bild von Avantgarde zur Grundlage hat. Doch dazu ein andermal mehr.
Zum Schluss der Einleitung möchte ich generell betonen, dass Kunst und Politik insofern in einer nicht zu unterschätzenden Wechselwirkung stehen, als die Kunst den Sturz der Verhältnisse für ihre eigene Befreiung braucht, während die heutige Kunst mit ihren Mitteln ein Wissen um die bürgerliche Gesellschaft vermitteln kann, die jede notwendige Kritik zutage fördert. Eine derartige Wissensproduktion wird, bauen wir entsprechend aufeinander auf, Hammerschläge auf das Bewusstsein der Arbeiterklasse ausüben, wie es epochemachende Werke am Übergang einer Gesellschaft in die andere seit Menschen Gedenken tun. Ohne den Aufstieg des Bürgertums innerhalb des feudalen Zeitalters kein Shakespeare, doch auch keine Blüte des Bürgertums ohne ihn.
In dieser Entwicklungslinie der gesellschaftlichen Produktivkräfte stehen auch wir, jedoch ist es zu unserem späteren Zeitpunkt unsere Aufgabe, den Ausweg aus dem Kapitalismus zu begleiten. Aus einem System, das seine Fortschrittlichkeit lange überlebt hat und daher gestürzt werden muss, damit die eigentliche Geschichte der Menschheit endlich anbrechen kann; wie Marx es einst zum Ausdruck brachte, als er den Kapitalismus als letzten Schritt der Vorgeschichte bezeichnete. Was dabei gerne unter den Tisch fällt: Ja, der Kapitalismus war tatsächlich einmal eine treibende Kraft der Geschichte und hat die Produktivkräfte der Gesellschaften entscheidend weiterentwickelt. Auch das gehört zum Grundgerüst des historischen Materialismus und soll dem plumpen, weil moralistischen „Kapitalismus=böse / Sozialismus=gut“ einen Riegel vorschieben.
Dass dem Sozialismus eine Art dreifaltige Wissenschaftlichkeit vorausgeht, bestehend aus dem dialektischen Materialismus (Philosophie), dem historischen Materialismus (Lehre der Entwicklung der Produktivkräfte von der Wiege der Menschheit bis zum heutigen Tag), bis hin zur politischen Ökonomie (entwickelt aus den ökonomischen Untersuchungen der prägendsten bürgerlichen Ökonomen, aus denen Marx dann seine entscheidende Kritik des Kapitals bzw. Mehrwerttheorie entfaltete) – auch das muss wieder ins breite Bewusstsein der Arbeiterklasse zurückkehren, nachdem die Führerinnen und Führer der Gewerkschaften und reformistischen Sozialdemokratie und ihrer Nachfolger ihr Bestes dafür taten, es auszulöschen und die allgemeine Theoriefeindlichkeit zu etablieren. 1912, zum Höhepunkt der jungen Sozialdemokratie, gab es allein in Deutschland ca. 90 Tageszeitungen für den wissenschaftlichen Sozialismus, und jeder Arbeiter konnte sich selbst ein Bild davon machen, welche Ideen seine Klasse organisieren – von einer Klasse an sich zu einer Klasse für sich.
Wir müssen also ein Verständnis vom tiefen Verrat des Reformismus an der Arbeiterbewegung gewinnen, um jedem Arbeiter,– sei er Künstler, Ingenieur oder Handwerker –, vor Augen zu führen, diese Führungen auch heute aus den Ämtern zu jagen, sei es in den Gewerkschaften oder in der Partei DIE LINKE. Der Verfasser dieser Zeilen zählt die Sozialdemokratie anno 2026 bereits nicht mehr zu den reformistischen Kräften, hat sie sich doch zu sehr der Kapitalistenklasse angenähert und in Übereinstimmung mit ihren Interessen keine Impulse mehr zu liefern.
Ihr Niedergang ist ein Zeugnis ihrer eigenen Unzulänglichkeiten, seit Schröders Agenda 2010, von einer ungeheuerlichen Knute ausgestattet, niederfuhr auf die Leute, die man als „arbeitende Mitte“ auch heute noch vorführen möchte. Insgesamt hat die SPD, seitdem es – nach Wirtschaftsaufschwung und -erholung der Nachkriegsperiode – weniger zu raffen und damit weniger Zugeständnisse an die Arbeiterklasse zu machen gab, sich gemäß ihres Paktes mit der herrschenden Klasse auf den sozialen Rückbau verständigt. Kevin Kühnert, ehemals Generalsekretär der SPD, wird nicht müde zu betonen, dass eine Lohnabhängige aus der Universität mit einer vom Tiefbau rein gar nichts gemein haben – ein sehr arbeiterverachtender Take, der in seinen Implikationen der Spaltung Vorschub leistet. Doch, entgegen allen Beteuerungen unserer Politiker – die Arbeiter begreifen das Vorgesetzte und verschmähen es zurecht, während ein Großteil der Jugend bereits dabei ist, die Demontage dieses Systems vorzubereiten.
2. Von der Notwendigkeit, den Reformismus von sich zu weisen
Bevor im Einzelnen oder anhand anschaulicher Beispiele gezeigt wird, wie der Reformismus wirkt und welche unzähligen schädlichen Taten aus ihm hervorgehen und – ruft man sich die Rolle der Sozialdemokratie seit 1914 in Erinnerung – hervorgegangen sind; muss zunächst einmal nachvollziehbar sein, auf welchen Annahmen der Reformismus fußt, und woraus er im Wesentlichen besteht. Ist ein Verständnis dafür gewonnen, ergibt sich – zumindest für die revolutionären Schichten – die objektive Notwendigkeit, ihn zu kritisieren und zu bekämpfen, wo es nur geht. Es ist wiederum darauf hinzuweisen, dass es selbstredend einen gravierenden Unterschied macht, Übergangsforderungen aufzustellen, über Reformen zu sprechen, für Reformen einzutreten und diese zu erkämpfen. Reformen sind ein essentieller Bestandteil des Klassenkampfes und auf gar keinen Fall zu verwechseln mit der verwirrten Denkströmung des Reformismus als solcher. Die soziale Revolution, in Anlehnung an Rosa Luxemburg, ist das Ziel; der Streit um Reformen ein Herzstück der Mittel, die der Arbeiterklasse zur Verfügung stehen. Reformisten sind auf einem Holzweg, weil sie Reformen als Selbstzweck betrachten und darüber die soziale Revolution an sich vergessen oder verworfen haben. Was besonders schwer wiegt: Wir befinden uns, und das spürt jeder arbeitende Mensch, vielmehr in einer Zeit der Konterreform. Und alles, was die Gewerkschaftsführer tun, ist, ohnmächtige Abwehrkämpfe gegen den Status-Quo auszutragen statt die Arbeiter in die Offensive zu führen! Einen genaueren Blick auf Reformen und ihre Funktion im Klassenkampf will dieser Essay nicht einlösen, nichtsdestotrotz: Es bleibt eine wichtige Hausaufgabe, sich auch darüber klar zu werden und das Vorhaben, an einem anderen Tag darüber eingehender zu schreiben.
- a) Die Grundlagen des Reformismus
Der erste Charakterzug des Reformismus ist, dass es eine Tendenz dahingehend gibt, ihn zu verharmlosen. Es kommt nicht selten vor, dass Genossen oder sich als „links“ Verstehende nicht konsequent – oder aus der Auffassung irriger Toleranz heraus – nicht entschieden genug gegen ihn vorgehen. Oder sie sind schlicht Anhänger des Reformismus und sagen aus einer entpolitisierenden Kuschelatmosphäre heraus: „Am Ende des Tages wollen wir doch alle dasselbe.“ Selbst sogenannte Linksradikale, die in individualistischer Pose gegen den Staat selbst in den Krieg ziehen und ihn am liebsten heute, auf einen Streich, zerschlagen wollen, haben für ihre liberalen Abweichler noch ein müdes Lächeln übrig.
Der einleitende Absatz will also auf den Punkt bringen: „Nein! Wir wollen nicht alle dasselbe!“, und wer an einer schlagkräftigen Arbeiterbewegung und ihrer aufblühenden Klassenkunst ein genuines Interesse hat, sollte ein ebenso großes Interesse dafür aufbringen, dass die reformistischen Cheftheoretiker nicht länger unsere Köpfe verwirren. Die folgenden Sätze widmen sich also der Frage: Was wollen Reformisten? Wer sind sie? Und darauf: Wer sind wir und was wollen wir?
Dem reformistischen Denken wohnen, in vielen verschiedenen Abwandlungen (und aus den Abwandlungen besteht gerade sein fester Kern), zwei zentrale Misskonzeptionen vom Verhältnis zwischen Staat und Revolution inne. Die erste ist darin begründet, der Kapitalismus sei seiner Natur nach „reformierbar“, man könne ihn – gegeben die richtigen staatlichen Politiken und Marktregulationen finden statt – „menschenwürdig“ einrichten. Die zweite, die denjenigen Reformisten zueigen ist, die noch nicht gänzlich das Wort „Revolution“ aus ihrem Vokabular entfernt haben, meinen, man könne den Sozialismus „organisch“ aus dem Kapitalismus heraus entwickeln, ohne den kapitalistischen Staat zerschlagen zu wollen. Sie verwechseln die Eroberung der Macht im bürgerlich-demokratischen Staat (womöglich sogar nach parlamentarischen Spielregeln) mit einer bis zum Ende durchgeführten Revolution.
Diese Misskonzeptionen sind – im Anschluss an den ersten Absatz – alles andere als harmlos, und haben daher unseren Einspruch anstelle des Mitleids provoziert. Sie sind Teil der ursächlichen Bewegung des Reformismus, die, kräftemäßig gesprochen, einem ständig mit angezogener Handbremse fahrenden Auto vergleichbar ist. Das Auto, das ist die Arbeiterbewegung, die Handbremse, das ist der Reformismus. Doch sollte es, in manchen Momenten, den Wagenlenkern des Reformismus nicht gelingen, das Auto genügend auszubremsen, so wartet am Ende der Fahrspur eine dicke Betonwand, welche dem Auto die Weiterfahrt gänzlich verwehrt. Denn Proteste innerhalb der Bevölkerung, unter ihnen genügend lohnabhängig Beschäftigte, gab und gibt es immer wieder.
Doch statt diese Wut aufzugreifen und in die konstruktiven Hände einer wahrhaftigen, proletarischen Führung zu geben, perlt der Aufstand an der Betonwand ab, werden viele Arbeiterinnen und Arbeiter in die Passivität abgedrängt oder umgelenkt in die Lager der demagogischen AfD, was die Spaltung und Polarisierung innerhalb der Arbeiterklasse weiter befeuert. Jüngstes Beispiel dafür war unter anderem die herbe Niederlage von SPD und LINKE in Nordrhein-Westfalen vergangenes Jahr, denn allein der Fakt, dass in einer von Armut gebeutelten Stadt wie Gelsenkirchen allein der rechte, reaktionäre Rand Zuwachs erhält, ist ein Offenbarungseid.
Strukturell liegt das insbesondere an der LINKE, die es weiterhin nicht versteht, sich als radikale Opposition genau dieser Leerstelle zu bedienen. Stattdessen paktiert sie mit der Partei des Kapitals, der CDU, nach einer „Logik des kleineren Übels“ und einer von der Rosa-Luxemburg-Stiftung völlig irrig herausgegebenen „Volksfront“-Mentalität, die der Arbeiterbewegung einen Bärendienst nach dem anderen erweist (ganz zu schweigen von einer ebenso realitätsfernen Faschismustheorie). Wer zuletzt zum roten 1. Mai auf der Straße war, dem wird schnell offenbar geworden sein, dass im absolut beschwichtigenden Ensemble der Arbeiterorganisationen auch der „soziale Flügel der CDU“ sein Unwesen unter den Arbeitern treiben darf.
Die Junge Welt titelt vollkommen zurecht, dass zwischen der ganzen Feierei über die ‚wehrhafte Demokratie‘, deren erste Verteidiger ‚die Arbeiternehmer‘ dieses Landes seien, nur wenig Bewusstsein für einen echten Arbeiterkampftag zu herrschen scheint. (O-Ton: “‘Es wird fast schon vergessen, worum es geht’, zeigte sich ein Tankwart, der leider arbeiten musste, in Hamburg nahe der Auftaktkundgebung erfreut, dass auf rotem Grund auch Hammer und Sichel in der Mittagssonne funkelten.” [Uhlmann 2026]) Nein, die LINKE-Führung lässt DJ Gysi über die Bühne hampeln, wo man den Massen mit der schnöden Faschismusabwehr und dem eingedrillten „Nie wieder ist Jetzt!“ die völlige Verkehrung der Lage einbläut: So wird der 1. Mai in ein Halloween des faschistischen Schreckgespenstes umgeweiht, während Kapital-Kanzler Merz weitere Angriffe auf die Arbeiterklasse vorbereitet und man es versäumt, gerade diesem Gebaren den unerbittlichen Kampf anzusagen. Unterdessen bepreisen Rüstungskonzern-Gewerkschafter die Umverteilung von oben nach unten durch eine Rüstungsabgabe. Theoretisch wie praktisch herrscht der Volksfront-Pessimismus, dem eine kämpferische Einheitsfronttaktik gegenüberzustellen ist; das demotivierende, paranoide ‘5 vor 12’ ist durch korrekte Analysen der Klassenkämpfe zu ersetzen und die Arbeiterklasse dementsprechend zu organisieren. Das sollte der Impetus der LINKE-Führung sein! Wir sind mehr und damit mächtiger als je zuvor (vgl. Kalabekow 2026).
Der zweite Charakterzug des Reformismus ist demnach, dass er eine verräterische Führungsschicht hat. Die Basis der reformistischen Organisationen und Parteien darf niemals in Sippenhaft genommen werden, sondern muss darin bestärkt werden, sich ihrer korrupten Führung ein für alle Mal zu entledigen und gegen eine mutige, klassenkämpferische Führungsschicht auszutauschen. Bodo Ramelow und seinesgleichen sind schon lange nicht mehr tragfähig und halten sich allein durch ihren bürokratischen Parteiapparat sowie den fehlenden Druck von unten. Lenin nennt diese Bürokraten in „Staat und Revolution“ auch die demoralisierte Schicht der Arbeiterklasse, Trotzki beschreibt sie als die konservativste Kraft im Kapitalismus überhaupt.
Das tägliche Produkt dieser Schicht ist die Klassenversöhnung anstelle des Klassenkampfes, worin die Sozialpartnerschaft ihre Devise ist. Anhand des Prinzips ‚Sozialpartnerschaft‘ lässt sich auch gut erörtern, wer die Reformisten sind, denn sie tummeln sich zumeist in sozialpartnerschaftlichen Gefilden. Unter Sozialpartnerschaft ist der Pakt zwischen der herrschenden Klasse und bestimmten Schichten der Arbeiterklasse zu verstehen, eine Verabredung aus Arbeitgeberverbänden, Politikern (historisch die CDU/CSU als Seite des Kapitals, sowie die SPD aufseiten der Arbeit), Gewerkschaftsfunktionären und Arbeiteraristokraten.
Die Sozialpartnerschaft sieht die Stabilisierung des kapitalistischen Systems vor, indem die Bourgeoisie den Gewerkschaftsführungen und führenden Politikern der reformistischen Parteien schöne Sümmchen und Pöstchen verspricht und ein größeres, wenn auch absolut immer noch mageres, Stückchen am Kuchentisch abgibt. Die Führer des Reformismus im Gegenzug versichern, die Arbeiterbewegung im Zaum zu halten: Dabei ist die Passivierung entscheidend in Zeiten der ruhigeren Verwaltung (bzw. dann, wenn es wirtschaftlich gut aussieht), aber auch das bereits erwähnte Ausbremsen sich entladender Arbeitskämpfe oder Massenproteste.
Hier genügt ein Blick nach Wolfsburg, als die IG Metall 2024 und 2025 nicht nur die Streichung von 35.000 Stellen in den VW-Werken am Verhandlungstisch mitbesiegelte, sondern vielmehr den sich daran anschließenden Austritt von 2.000 bis 3.000 kolportierten, frustrierten Gewerkschaftsmitgliedern vehement bestritt und mit „Altersgründen“ zudeckte. In Vorbereitung auf den diesjährigen 1. Mai in Leipzig gab die hiesige Gewerkschaftsführung des DGB intern Dokumente aus, in denen vor palästinasolidarischen und roten Gruppen gewarnt wird – dazu kommt noch der absolut fatale Slogan, unter dem der Arbeiterkampftag stehen soll: „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“, als sei es nicht klar genug, dass gerade deren Profite die Grundlage unserer Fesseln sind. Das ist geradezu ein Eingeständnis, dass an der Ausbeutung an sich nicht wirklich etwas einzuwenden sei, den ausbeuterischen Job möchte man dann in aller Unterwürfigkeit doch unbefristet zugesichert sehen. Das ist Sozialpartnerschaft in seiner reinsten Form.
Insgesamt werden bei Tarifverhandlungen seit Jahren nur mehr Notpflaster für die Arbeiterklasse ausgehandelt, die, inflationsbedingt, den relativen ökonomischen Niedergang der Klasse nicht auszubremsen vermögen. So ist es politisch notwendig, gegen die verräterischen Formierungen an der Spitze der sozialdemokratischen, linksreformistischen und gewerkschaftlichen Bürokratenapparate jeden Tag aufs Neue in den Kampf zu ziehen und der Basis dieser Arbeiterorganisationen zu zeigen, dass es wieder Führungen braucht, die den Klassenkampf austragen wollen, statt diesen in staatsintegrierende Geflechte zu versenken. Stabilisierung, Stagnation und schleichender, ökonomischer Abstieg sind weiters die Produkte des Reformismus und nun ist es klar geworden, wer die Reformisten sind: Alle Klassenversöhner aus den Spitzen von DGB, SPD, LINKE und allen anderen größeren, sozialpartnerschaftlichen Arbeiterorganisationen.
Wo geklärt ist, wer die Reformisten sind, was sie wollen und was sie im Kern ausmacht, ist es näher auszuführen, wer wir sind und was wir wollen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es wohl nicht so leicht zu sagen, wer wir sind … vorerst nur dieser kleine Verlag, und ausgesprochene Sympathisanten eines Bruchs mit dem Reformismus, Befürworter eines revolutionären Programms. Dieser Text entsteht daher aus zwei Beweggründen: Erstens aus der Überzeugung, dass es über den Verlag hinaus so viele Menschen gibt, die den Reformismus und seine Auswüchse bereits satthaben und sich organisieren wollen. Sowie zweitens aus der Hoffnung heraus, dass sich – aufgrund der fortschreitenden Radikalisierung der Jugend – bald schon viele Köpfe wenden werden in Richtung eines revolutionären Programms. Diese Avantgarde muss ausgestattet werden mit den richtigen Ideen, um den Wandel der Arbeiterklasse weiter voranzubringen! Am Ende dieses Textes findet ihr abermals einen Aufruf an alle, die sich revolutionär organisieren und das revolutionäre Programm für Kunst und Kultur mitprägen wollen – wir sind eine Klasse, und diese hat ein gemeinsames Gedankengebäude.
Um die Frage also zu beantworten, was wir wollen: Wir wollen ein revolutionäres Programm für den Literatur- und Kunstbetrieb, das zur Grundlage eine stetig aktualisierte Kritik reformistischer Denkströme haben muss! Ebenso gehen wir – zumindest hier im Verlag – von zwei leitenden Thesen zur Erstellung eines solchen Programmes aus: Zum einen betonen wir die nie von der Hand zu weisende Verstrickung der Kunst in die Politik seit Menschengedenken – eine politische und eine künstlerische Welt waren immer schon von den herrschenden Ideologien einer Gesellschaft geprägt, die – frei nach Marx und Engels – die Ideen der herrschenden Klasse waren. Insofern ist die Frage nach politischer Literatur oder Kunst in Zeiten Wolfram Weimers immer ein Sich-ins-Verhältnis-Setzen zu den Praktiken einer korrupten Kultuszensurbehörde, die Buchhandlungen auf ihren geheimdienstlichen Fahndungslisten führt.
Sich in dieser Gemengelage am Kopf zu kratzen und unkritisch Fördermittel und -gelder als gerechten Lohn zu betrachten, ist eigentlich eine Abspeisung: „Bist Du einverstanden, ein Lakai der herrschenden Verhältnisse zu sein? Dann nimm und schweig, denn wegnehmen können wir Dir jederzeit!“; sich in dieser Gemengelage nicht umzusehen nach den Nebenleuten, denen dieses Ausstechen und Hauen schon lange zum Hals raushängt, ist dann eine nicht länger hinnehmbare Unterlassung und Fahrlässigkeit – und zeugt mehr von Resignation und Arrangement als alles andere; sich länger herauszuhalten in Zeiten der weltregierenden Epstein-Class und dem live übertragenen Genozid in Gaza, das kommt einer reaktionären Handlung gleich.
Der zweite Aspekt, und der ist mehr kämpferisch denn strukturell, geht aber von bestimmten strukturellen Annahmen aus, ist: In der Kunstwelt zeigen sich mittlerweile tendenzielle Hemmnisse, überhaupt noch progressive Formspiele bzw. Entwicklungen einst progressiver Formen vornehmen zu können, weil die Kunst in ihrer Zurichtung zur Ware aufgerieben wird; zwischen Spekulation, künstlicher Intelligenz, Subvention staatstreuer Medien und ihrer Künstler, Sektiererei und Verrat an der Tradition. Zunächst sind diese Dinge zurecht auch als Verwerfungen des Kapitals zu betrachten.
Obwohl mein Kollege Luis Löwenstein ganz richtig darauf hingewiesen hat, dass es vielleicht erst eine aktualisierte, scharfe Kritik des Bürgerlichen mittels der Kunst braucht; in Kombination mit der Wiederauffindung einer sozialistischen Kunsttradition und der politischen Avantgarde (ohne diese wäre jedes weitere Bestreben ohnehin nutzlos!); wird auch dies, und das hat Rick Lupert in seinem Aufsatz ja angedeutet, im Aufgreifen der bürgerlichen Formen nur mehr bürgerliche Formen erzeugen, wenn die bewusste Suche nach einem Ausweg aus dem verrotteten System ausbleibt. So sehr alle diese Versuche in allererster Linie zu begrüßen sind und die Arbeit daran essentiell für die Etablierung einer gegenwärtigen wie zukünftigen Arbeiterkultur ist; muss ein Darüber-hinausgehen-Wollen jedem schöpferischen Akt innewohnen, im besten Fall ohne Verflachung.
Doch Kritik, Propaganda, Realität und Fiktion werden in nächster Zeit noch einige wilde Kämpfe im Feld der Kunst austragen, jedoch: Jeder Künstler muss in diesen Tagen auch den gestalterischen Willen eines Revolutionärs in sich tragen. Darunter ist nicht zu verstehen, möglichst selbstherrlich und -gerecht dem politischen Selbstzweck und Radikalismus zu huldigen, ganz im Gegenteil: Der Begriff des Revolutionärs meint hier, dass ein kritisches Bewusstsein für den Zustand der Arbeiterbewegung vorherrscht, dem die Unbestechlichkeit für die objektive Lage vorausgeht. Jede Zeit bringt ihre Gattung von Revolutionären hervor, und heute, das ist zumindest meine feste Überzeugung, sind das Menschen wie Du und ich, verbunden im höchsten Organisationsgrad unserer Klasse, im Widerstreit um das revolutionäre Programm. Daran kann und soll jede und jeder teilhaben.
In dieser Weise wird uns das Etablieren eines gemeinschaftlichen Theorieverständnisses, das ‘soziale Lernen’ einer gesamten Klasse!; der gesellschaftliche Befreiungskampf und die daraus resultierenden politischen Erfahrungen – und nur aus diesen lernt die Arbeiterbewegung in ihrer Gesamtheit! – neue Ansätze zur Kunst liefern, die nicht länger den bereits erwähnten kapitalistischen Strukturhemmnissen ausgesetzt sein wollen. Der ganze Konservatismus der heutigen Kunst resultiert aus dem hartnäckigen Todesritt des Bürgertums, sich mit allen Mitteln im Sattel zu halten, zur Not auch mit den handzahmen Riegen reformistischer Künstler, deren pseudo-revolutionäre, pseudo-aufständische Gesten ins Konzept passen. Die Nazikeulen-Satire von Staatsträger Böhmermann und DGB-Werbegesicht Kindler sind sich in vielem näher als gemeinhin vermutet und schreien die Ideologie der Rosa-Luxemburg-Stiftung: Volksfront gegen das neu auferstehende III. Reich. So geben sich CDU und LINKE auch auf dem Gebiet der Kunst die Hand. Während Kindler Merz auf der Bühne einen ‚Nazi‘ nennt und dessen sozialen Kahlschlag attackiert, spricht er bei Instagram im Werbeblock des DGB zum 1. Mai bereits das „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ nach – wie soll das zusammengehen bei einem Autor, der ein Buch mit dem Titel „Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf“ geschrieben hat? Hieran zeigt sich auch Lenins Ausspruch, dass sich unter der pseudo-sozialistischen Sprache der Reformisten nichts weiter verbirgt als eine zutiefst kleinbürgerliche Ideologie, die in letzter Konsequenz eine verlässliche Stütze des bürgerlich-demokratischen Staates ist und somit der Diktatur der Minderheit über die Mehrheit der Staatsbevölkerung.
Diese verräterischen Widersprüche gilt es herauszuarbeiten, diese Überschneidungen politischer und künstlerischer Einflusskraft müssen freigelegt werden, und so wird sich der zweite Teil dieses Essays eben befassen mit der politischen Arena, die immer auch die künstlerische ist und umgekehrt. Unter der Prämisse, dass die künstlerische Arena doch den eigenen Entwicklungsgesetzen der Kunst unterliegt und daher auch ein gesonderter Umgang mit Künstlern und Kulturschaffenden des reformistischen Lagers anzustreben ist.
“Notwendig ist eine Selbstorganisierung von Kunstschaffenden, die nicht auf Versöhnung und Klassenkompromiss hinausläuft.”
Der beabsichtigte Bund revolutionärer Kunstschaffender schrieb diese Zeilen Anfang des Jahres im Neuen Deutschland, und sie treffen den Reformismus ins Mark. Klassenkompromiss lautet seine Devise, und wir müssen uns dagegen organisieren – künstlerisch und politisch! Schließ Dich uns im Bund an, schreibe an , wenn Du Teil des revolutionären Programms werden möchtest oder Hinweise dafür hast. Es handelt sich um unsere Klasse und unser Gedankengebäude des dialektischen Materialismus, dafür braucht es uns alle! Darüber hinaus: Schließt Euch nicht nur künstlerisch zusammen, schließt Euch auch kommunistischen Parteien an, wo ihr könnt. Die künstlerische Avantgarde ist ohne die politische verloren und umgekehrt. Rotfront!
Verlag Rotscheibe – künstlerische Freiheit durch politische Konsequenz.
Weiterführende Literatur und Links:
– Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution? https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1899/sozrefrev/
– Alexandra Kollontai, Tagebücher Juli/August 1914 https://www.marxists.org/deutsch/archiv/kollontai/1914/xx/tagebuch.html
– Karl Marx, Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie
– Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei
– Rob Sewell, Germany 1918-1933: Socialism or Barbarism
– W.I. Lenin, Staat und Revolution
– Christoph Ullrich, Ein Warnschuss, der nicht überrascht https://www1.wdr.de/nachrichten/wahlen/kommunalwahlen-2025/kommunalwahl-nrw-kommentar-ein-warnschuss-100.html
– Mario Candeias, Linksverschiebung oder Anpassung? Lehren der historischen Volksfront in Frankreich für die Gegenwart https://www.rosalux.de/news/id/54737/linksverschiebung-oder-anpassung
– Ders., Faschisierung an der Macht: Von Trump und Meloni zu Merz https://www.zeitschrift-luxemburg.de/artikel/faschisierung-an-der-macht
– Alexander Kalabekow, Wie besiegen wir die AfD? (Rote Reihe Nr. 44)
– Ted Grant und Alan Woods, Marxismus und der Staat https://marxist.com/marxismus-und-der-staat.htm
– Tagesschau, Einigung im Tarifstreit: VW streicht 35.000 Stellen – Werke bleiben erhalten https://www.tagesschau.de/eilmeldung/vw-ig-metall-einigung-tarifstreit-100.html
– Matthias Rude, DGB Sachsen distanziert sich von antikommunistischem Demo-Papier https://www.nd-aktuell.de/artikel/1198987.mai-kundgebung-dgb-sachsen-distanziert-sich-von-antiskommunisstischem-demo-papier.html
– DGB/Kindler, Alle gemeinsam gegen die, die uns gegeneinander ausspielen wollen! https://www.youtube.com/shorts/UJr2-HgMNmA
– Jean-Philippe Kindler, Bühnenausschnitt: Instagram-Post vom 07. Dezember 2025 https://www.instagram.com/reel/DR9bUWsjds7/?igsh=YmI3NGs0NW4yOXZl
Der Artikel schafft eine erste Grundlage über den Zustand des Reformismus und seiner Vetreter in der BRD der 2020er Jahre. Was allerdings fehlt ist die Frage wie sich dieser Reformismus eben konkret im Kunst- und Kulturbetrieb ausdrückt. Natürlich ist es die Aufgabe der revolutionären Kulturschaffenden den Klassenverrat zu begehen und unapologetisch, nicht stiefmütterlich, auf der Seite der Arbeitenden Klasse zu kämpfen und schreiben. Doch wie soll dieser Verrat an der bürgerlichen Klasse und ihrer Herrschaftskunst vollzogen werden? Zunächst braucht es Klarheit, nicht nur über die generellen Klassenverhältnisse und der herrschenden reformistischen Strömungen, für die Kunst bedarf es jedoch einer eigenen Analyse des Meinungspluralismus Einheitsbreis, der verbalradikalistisch auf den Nacken des Staates seinen Platz im Etablissement des bürgerlichen Kulturbetriebs einnimmt.
Auch das Verhältnis von Politik und Kunst wird in diesem Artikel besprochen. Kunst ist dabei nicht einfach nur in einer Wechselwirkung mit der „Politik“ zu betrachten. Viel mehr ist sie Ausdruck und Produkt der herrschenden Verhältnisse. Die Kunst wie sie heute in der BRD produziert wird, ist staatlich organisiert und erfüllt damit die ideologische Funktion der Absicherung dieses Systems. Sie bringt die Scheiße in die Köpfe und das nicht erst seit Wolfram Weimer. Unter dem Deckmantel des Meinungspluralismus darf alles politische stattfinden sofern es keine Konsequenz aufweist. Der Autor zeigt hier richtig auf dass Kulturarbeitende abhängig von eben diesen Förderstrukturen sind. Es stellt sich die Frage, ob revolutionäre Kulturarbeit überhaupt in einer Vollzeitbeschäftigung zu betreiben sei. Eine alternative Finanzierung könnte der Arbeitergroschen darstellen, eigens finanzierte Institutionen. Dafür muss unsere Kunst aber besser, gewaltiger, klarer sein als die Scheiße die der Kapitalismus zur Verdummung unserer Klasse ansetzt. Die Aufgabe die sich uns stellt ist riesig, aber alternativlos, kämpft man nicht nur für die Freiheit der Kunst, sondern für ein Ende von Ausbeutung, Unterdrückung und Imperialismus.
Eine weitere Frage die sich stellt: Was hat es mit der Warenförmigkeit der Kunst auf sich, inwiefern unterscheidet sich diese auch nach Sparten? Ein Buch muss anders produziert werden als ein Theaterstück, ein Gemälde oder ein Lied. So können objektive Funktion der Kunstware identisch sein, ihre jeweilige Verwertung wird es dadurch nicht.
Hey Milli,
danke für Deinen Kommentar 🙂
Kannst Du die Art und Weise des ‚Klassenverrats‘ noch etwas ausführen? Oder hast Du dazu schon alles gesagt? Ich habe das noch nicht Sonographie gehört und möchte da gerne dazulernen. Was ist ein Arbeitergroschen? Auch davon habe ich noch keine klare Vorstellung, aber ich merke, ich habe noch viel zu recherchieren.
Ja, das ist ganz richtig — das Verhältnis ist ein Ausdruck und Produkt der Herrschaft! Ich habe das nicht unterschlagen wollen und es zumindest angedeutet, innerhalb der ‚die herrschenden Ideen sind die Ideen der herrschenden Klasse‘ und hätte das noch weiter ausführen können. Der Text hat offensichtlich seine Schwächen und Grenzen. Aber: warum ist es mir wichtig, AUCH von Wechselwirkung zu sprechen? Nicht immer nur von Herrschaft? Weil es Potenziale gibt, und diese manchmal verstellt werden durch das Gestiere auf die Herrschaft der Bürgerlichen. Und soll erst einmal den Blick auf die Arbeiterklasse freigeben: denn die ‚Wechselwirkung‘ kann ein anfängliches Verständnis davon legen, welche Verbindung künstlerische und politische Avantgarde in der Linken eingehen MÜSSEN. Und das kommt mir noch viel zu kurz in unseren Diskussionen, das wird leider zu oft übersehen. Und das ist Teil des eklatanten Verrats der LINKE in Deutschland.
Denn: Wenn wir über ‚Arbeitergroschen‘ und ‚eigene Institutionen‘ reden, dann sollten wir erst einmal dahin blicken, wo die meisten Ressourcen der Arbeiterklasse sitzen, die uns nicht zugänglich sind: In den Abermillionen an Euros, die Partei DIE LINKE, Gewerkschaften und Rosa-Luxemburg-Stiftung auf sich vereinigen. Würden diese Organisationen ihren Aufgaben im Klassenkampf nachkommen, könnten wir uns mit ihnen verbinden. Können wir aber aufgrund der bekannten Probleme nicht. Das heißt wir stehen abgeschnitten von Arbeiterorganisationen, die uns POTENTIELL unterstützen könnten. Weil sie aber Verrat begehen, müssen wir uns gewissermaßen selbst aufbauen. Und in diesen kleinen Schuhen, in denen wir jetzt stecken, erscheint es mir verfrüht, die große Kunst und revolutionäre Kulturarbeit ohne zweckmäßige Lohnarbeit an den Anfang zu stellen. Es ist leider so, dass unsere Zeit die der Opferbereitschaft ist, denn die große Arbeiterkunst hängt nicht unbeträchtlich am Grad der Arbeiterorganisation und seinen schieren Anzahlen (Mitglieder, Leser, Abonnenten, Gelder, Häuser usf.) — unsere Mammutaufgabe, noch vor der großen Kunst, ist daher der Aufbau eigener Institutionen, die Begleitung einer neuen politischen Avantgarde und das Heranbilden eines festen Stammes an Genossen, der auch bereit ist, seine wichtigsten Denker und Künstler von der Lohnarbeit freizustellen. Und das ist noch ein weiter Weg — versucht man diesen abzukürzen, besteht in meinen Augen die Gefahr eines neuen pseudo-revolutionären Opportunismus.
Ich finde Deine Fragen nach den eigenen Umständen des Kunst- und Kulturbetriebes sehr wichtig, auch die Frage nach den eigenen Produktionsverhältnissen innerhalb der eigenen Kunstsparten. Vielleicht willst Du darüber schreiben, wenn Du Gedanken hast?
Solidarische Grüße
Marco
Liebe Genoss*innen, lieber M6service,
es war mir eine Freude und ebenso eine politische Inspiration, den zweiteiligen Essay „Sozialistischer Verlag“ (bestehend aus „Mit revolutionärer Literatur erarbeiten wir die sozialistische Gesellschaft zu Lebzeiten“ und dem Fortsetzungsteil „Reformismus vs. Revolution, oder: Der Kampf der Ideen in der Kunst“) zu lesen – besser gesagt: zu studieren!
Wirklich wertvoll finde ich die präzise Erläuterung des Begriffs des Arbeiterverlags, dessen Aufgabe es nicht ist und nicht sein kann, die Revolution selbst einzuleiten, sondern vielmehr durch Kunst und Literatur ein scharfes Klassenbewusstsein zu wecken und so als Katalysator für sozialistische Ideen zu wirken; eine Revolution kann schließlich, wie richtig festgestellt wird, nur von der Arbeiterklasse selbst ausgehen. Ein breiter, absolut notwendiger Raum wird auch der Ablehnung des Reformismus eingeräumt, welcher das System stabilisiert und den sozialen Abstieg der Massen nur verwaltet, anstatt ihnen die Perspektiven der Selbstorganisation aufzuzeigen. Diese Entwicklung kann von allen beobachtet werden, die das politische Geschehen mit kritischem Sinn verfolgen.
Besonders jener mir schon lange vertraute Slogan, die sozialistische Gesellschaft noch „zu Lebzeiten“ zu erarbeiten, hat mich tief zum Nachdenken gebracht: Was ist die Spanne eines Menschenlebens, gemessen an den Epochen der Menschheitsgeschichte? Was sind die wenigen Jahre, die dem Individuum gegeben sind, verglichen mit den Zeiträumen der „Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft“, in der wir auch heute noch leben?
Es drängt sich mir beim Blick auf den Weg zur neuen Gesellschaft der Gedanke auf, dass dieser den elliptischen Bahnen gleicht, welche die Planeten um die Sonne ziehen. Da ist das rasche Kreisen des Merkur, der für einen Sonnenumlauf gerade einmal 88 Tage benötigt – vergleichbar mit der flüchtigen Epoche der Pariser Kommune, die 1871 nach nur 72 Tagen im Blut ertränkt wurde, aber dennoch ein erstes, unübersehbares Zeichen setzte. Und da ist auf der anderen Seite die gewaltige, ferne Umlaufbahn des Uranus, der 84 Erdenjahre für eine einzige Umkreisung braucht. Hier muss ich an die Sowjetunion denken, die von 1917 bis 1991 zwar etwas kürzer bestand, es damals aber vermochte, dem 20. Jahrhundert ihren Stempel aufzudrücken.
Doch die Bewegung der Geschichte bricht nicht ab. So warten manche Esoteriker, aber auch Wissenschaftler auf die Entdeckung eines „Planeten X“ – jenes noch unsichtbaren, jenseits aller bekannten Grenzen kreisenden Himmelskörpers, dessen Großzyklus so monumental ist, dass er vielleicht vergleichbar sein wird mit den vielen Jahren eines künftigen Gemeinwesens der „wirklichen“ Geschichte. Einer Geschichte, in der die Menschen ihr Schicksal kollektiv und bewusst selbst bestimmen und in der das „Reich der Notwendigkeit“ vom „Reich der Freiheit“ abgelöst wird. Werden wir noch mit eigenen Augen sehen, wie unser Panzerkreuzer Aurora am Horizont erscheint? Who knows…
In diesen historischen Zyklen ist ein einzelnes Menschenleben nur ein Wimpernschlag und die Zukunft kann niemand genau vorhersagen. Dennoch verzweifle ich keineswegs. Denn ich weiß: Wenn wir Literatur verfassen, die den Blickwinkel der Opfer dieses Systems einnimmt und für diese zugleich das Wort ergreift; wenn wir uns weiter geistig freimachen vom Individualismus, Eskapismus und vor allem den atavistischen Überresten des Geniekults; und wenn wir schließlich trotz alledem ein menschliches Herz bewahren – dann haben wir es auf jeden Fall geschafft, den „Sozialismus zu Lebzeiten“ zu erkämpfen.
Alles Gute, freundschaftliche Grüße und danke für diesen wichtigen Debattenbeitrag!
Denial